Zeitschrift für Sexualforschung

Die DGfS gibt die peer-reviewte Zeitschrift für Sexualforschung heraus, die seit 1988 im Ferdinand Enke Verlag (Stuttgart) erschien. Seit einer Verlagsübernahme im Jahr 2000 wird sie im Georg Thieme Verlag (Stuttgart) publiziert. Zur Zeit wird die Zeitschrift für Sexualforschung von Prof. Dr. med. Peer Briken , Dr. phil. Timo O. Nieder, Prof. Dr. phil. Nicola Döring, Prof. Dr. phil. Jürgen Hoyer und Dr. phil. Silja Matthiesen. Die Zeitschrift kann im Rahmen einer Mitgliedschaft der DGfS zu speziellen Konditionen abonniert werden. Die Zeitschrift für Sexualforschung hat einen Impact-Faktor von 0,871.

2022

Heft 2/2022 der Zeitschrift für Sexualforschung

Heft 2/2022 der Zeitschrift für Sexualforschung und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Editorial

Originalarbeiten

  • Nicola Döring & M. Rohangis Mohseni: Der Gender Orgasm Gap. Ein kritischer Forschungsüberblick zu Geschlechterdifferenzen in der Orgasmus-Häufigkeit beim Heterosex
    Zusammenfassung:

    Einleitung: Seit den 1960er-Jahren wird in Wissenschaft, Frauenbewegung und breiter Öffentlichkeit darüber diskutiert, dass und warum Frauen beim Heterosex seltener Orgasmen erleben als Männer und ob und wie man diesen Gender Orgasm Gap schließen kann. Im Rahmen eines bio-psycho-sozialen Verständnisses von Sexualität werden Gender Orgasm Gaps theoretisch sehr unterschiedlich erklärt. Forschungsziele: Ziel des vorliegenden Forschungsüberblicks ist es, die bisherigen empirischen Befunde zur Größe des Gender Orgasm Gap zu berichten sowie die vorgeschlagenen Praxismaßnahmen zu seiner Überwindung zu präsentieren und kritisch zu diskutieren. Methoden: Im Zuge einer systematischen Literaturrecherche wurden n = 20 empirische Publikationen zum Gender Orgasm Gap und zusätzlich n = 16 wissenschaftliche Originalarbeiten zu seinem Abbau identifiziert und kodiert (1982–2021). Ergebnisse: Die eingeschlossenen Umfragen basieren auf Angaben von N = 49 940 Frauen und N = 48 329 Männern und zeigen, dass typischerweise 30 % bis 60 % der befragten Frauen berichten, beim Heterosex zum Orgasmus zu kommen, im Unterschied zu 70 % bis 100 % der Männer. Je nach Rahmenbedingungen des Heterosex schwankt die Größe des Gender Orgasm Gap zwischen –20 % und –72 % zuungunsten der Frauen. Die vorliegenden zehn bevölkerungsrepräsentativen Umfragen ergeben einen gewichteten mittleren Gender Orgasm Gap von –30 % [95 %iges Konfidenzintervall: –31 %; –30 %]. Die in der bisherigen Fachliteratur vorgeschlagenen Maßnahmen zum Schließen dieser Orgasmus-Lücke beziehen sich auf personale Faktoren, Beziehungsfaktoren, sexuelle Interaktionsfaktoren und gesellschaftliche Faktoren: Frauen wird empfohlen, den eigenen Orgasmus bewusster anzustreben und in der Beziehung offener über sexuelle Wünsche zu sprechen. Zudem wird Frauen und Männern geraten, mehr direkte klitorale Stimulation in den Heterosex zu integrieren und Orgasmen von Frauen gesellschaftlich zu demarginalisieren. Schlussfolgerung: Aus dem bisherigen Forschungsstand leitet sich die Notwendigkeit ab, Fragen rund um den Gender Orgasm Gap weiterhin in Wissenschaft und Praxis zu bearbeiten. Angesichts der begrenzten Erfolge der letzten Dekaden scheint es jedoch auch geboten, die bisher verfolgten Ansätze im „Kampf um Orgasmus-Gerechtigkeit“ kritisch zu hinterfragen.

  • Timo O. Nieder, Florian Schneider & Robin Bauer: Repronormativität und reproduktive Gerechtigkeit – eine interdisziplinäre Analyse zur Fortpflanzung im Kontext von Trans
    Zusammenfassung:

    Einleitung: Im Kontext von Trans gewinnen Fragen zur Reproduktion seit etwa zwei Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung. Dabei geht es um Kinderwunsch und Fertilitätserhalt sowie um Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft. Einflussreich sind hier jedoch nicht nur die reproduktionsmedizinischen Möglichkeiten, sondern auch die repronormativ geprägten Barrieren, die trans und nicht-cis Personen in unserer Gesellschaft daran hindern, ihren Kinderwunsch zu realisieren oder dies zumindest erheblich erschweren. Forschungsziele: Der vorliegende Beitrag fragt daher aus interdisziplinärer Perspektive nach den Möglichkeiten und Grenzen der Reproduktion bei trans Personen. Methoden: Zunächst werden der Begriff der Repronormativität eingeführt und das Konzept der reproduktiven Gerechtigkeit elaboriert. Diese konzeptuelle Analyse wird ergänzt um eine narrative Literaturübersicht, die interdisziplinäre Perspektiven berücksichtigt: Juristische und reproduktionsmedizinische sowie psychologische und soziologische Beiträge gehen ein. Ergebnisse: Wir zeigen, wie repronormative Vorstellungen und gesetzliche Regelungen nicht-cis Personen in ihren reproduktiven Möglichkeiten einschränken und diskriminieren. Anknüpfend an den empirischen Forschungsstand zur Reproduktion bei trans Personen werden die praktischen Möglichkeiten der Fertilitätsprotektion im Kontext von Trans vorgestellt. Schlussfolgerung: Auf Grundlage der Befunde argumentieren wir dafür, dass trans Person mit den gleichen reproduktiven Rechten ausgestattet werden wie cis Personen. Insgesamt soll eine öffentliche Diskussion zu Repronormativität und reproduktiver Gerechtigkeit gefördert werden, die Reproduktion nachhaltig für queere Menschen öffnet und erleichtert.

Praxisbeitrag

Debatte

Heft 1/2022 der Zeitschrift für Sexualforschung

Heft 1/2022 der Zeitschrift für Sexualforschung und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

  • Maika Böhm & Heinz-Jürgen Voß: Zur Thematisierung von Trans- und Intergeschlechtlichkeit in medizinisch- therapeutischen, gesundheitsbezogenen und pädagogischen Studiengängen und Berufsausbildungen
    Zusammenfassung:

    Einleitung: Obwohl die Themen Trans- und Intergeschlechtlichkeit vermehrt öffentliche Aufmerksamkeit erfahren und sich relevante juristische wie auch medizinische Regelungen in den vergangenen Jahren zunehmend wandeln, wurden deren Vorkommen und Thematisierungsweise in Ausbildungs- und Studiengängen, die für eine spätere Berufstätigkeit „nah am Menschen“ qualifizieren, bislang nicht untersucht. Forschungsziele: Die Studie „Entwicklung von Vorschlägen für die curriculare Fortentwicklung der Ausbildungs- und Studiengänge von Sozial- und Gesundheitsberufen zur Integration von Trans- und Intergeschlechtlichkeit in die Bildungslehrpläne“ (CuFoTI) analysiert in zwölf ausgewählten Bildungsgängen, ob und in welchem Maß Trans- und Intergeschlechtlichkeit in den Curricula thematisiert werden und ob die Darstellungen dem aktuellen wissenschaftlichen Sachstand entsprechen. Methoden: Auf Grundlage eines im ersten Schritt verfassten Sachstands für die Bereiche Recht, Medizin, Psychologie und Soziale Arbeit/Beratung wurden im zweiten Schritt Suchbegriffe generiert und in inhaltlich differenzierte Kriterien überführt, um die Modulkataloge, Curricula und Lehrpläne der zwölf Bildungsgänge computergestützt mittels Maxqda bzgl. der Thematisierungsweisen von Inter- und Transgeschlechtlichkeit zu analysieren. In einem dritten Schritt wurden ausgewählte Lehrmaterialien hinsichtlich ihrer Aktualität und Differenziertheit geprüft. Ergebnisse: Die Studie zeigt, dass die Themen Trans- und Intergeschlechtlichkeit in den untersuchten Ausbildungs- und Studiengängen bislang kaum eine Rolle spielen. In weiten Teilen wird in dem analysierten Material keine geschlechtersensible Sprache genutzt. Während im Studium der Sozialen Arbeit und im Lehramtsstudium zumindest allgemein geschlechtliche Vielfalt, zudem in größerem Maß dem Sachstand entsprechend, thematisiert wird, ist dies in therapeutischen bzw. gesundheitsbezogenen Ausbildungen/Studiengängen deutlich seltener. Schlussfolgerung: Es fehlt weiterhin an konsistenten Curricula, in denen die Bedarfe von trans- und intergeschlechtlichen Personen fokussiert, aktuelle Debatten und Veränderungen der rechtlichen und medizinischen Rahmenbedingungen aufgegriffen und fachspezifische Ableitungen getroffen werden.

  • Reinhard Maß: Selbstverantwortung in Partnerschaft und Sexualität. Eine empirische Studie
    Zusammenfassung:

    Einleitung: Die Übernahme von Selbstverantwortung gilt in allen Therapieschulen als eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg einer Psychotherapie. Selbstverantwortung wird in der hier vorgelegten Arbeit als die Bereitschaft einer Person definiert, Verantwortung für das eigene Verhalten, die eigenen Entscheidungen und alle positiven oder negativen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, zu akzeptieren. Forschungsziele: In der hier vorgelegten Arbeit wird die Bedeutung der Selbstverantwortung für einige Aspekte der Lebensqualität untersucht, namentlich für die Zufriedenheit mit der Partnerschaft, der Sexualität, der eigenen Person und der Beziehung zu den eigenen Kindern. Methoden: In einer Online-Studie wurde bei 215 gesunden Erwachsenen das „Selbstverantwortungs-Inventar“ (SV-I) eingesetzt, ein neuartiger Fragebogen mit den Unterskalen „Fremdbestimmung“, „Selbstbestimmung“ und „Orientierung an den Erwartungen anderer“. Zusätzlich wurde der „Fragebogen zur Lebenszufriedenheit“ (FLZ) verwendet. Ergebnisse: Signifikante Korrelationen zeigten sich für alle drei SV-I-Unterskalen: Je höher die Selbstverantwortung, desto größer die Zufriedenheit in allen vier untersuchten Bereichen der Lebensqualität. Schlussfolgerung: Diese Ergebnisse bestätigen die Relevanz von Selbstverantwortung für die erfolgreiche Gestaltung sozialer Beziehungen und partnerschaftlicher Sexualität. Implikationen für die Psychotherapie werden diskutiert.

Dokumentation

Debatte

Bericht

  • Annika Flöter, Annette Schwarte, Melanie Büttner, Guido Schneider, Tobias Skuban-Eiseler, Detlef Vetter & Viktoria Märker: Zuhause in meinem Wohnzimmer

2021

Heft 4/2021 der Zeitschrift für Sexualforschung

Heft 4/2021 der Zeitschrift für Sexualforschung und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

  • Marlene Muehlmann, Anna Lienert, Holger Muehlan, Miachel Stach, Yannik Terhorst & Eva-Maria Messner: Digitale Sexualaufklärung: Verfügbarkeit und Evaluation mobiler deutschsprachiger Apps zur Förderung der sexuellen Gesundheit
    Zusammenfassung:

    Einleitung: Die Inhalte ganzheitlicher Sexualaufklärung können in Deutschland nur bedingt innerhalb des schulischen Kontexts vermittelt werden. Eine App zur sexuellen Gesundheit oder zu Themen der Sexualaufklärung könnte Jugendliche bei ihrer Informationssuche und Pädagog:innen in ihrem Lehrauftrag unterstützen. Forschungsziele: Ziel dieser systematischen Übersichtsarbeit ist es, die Qualität und die Inhalte von deutschsprachigen mobilen digitalen Anwendungen zu untersuchen, die derzeit in Google Play sowie im App Store zur Unterstützung der Sexualaufklärung zur Verfügung stehen. Methoden: Mithilfe eines Webcrawlers wurde in den beiden primären App-Stores recherchiert. Die Qualität der identifizierten Apps wurde mithilfe der deutschen Version der „Mobile Application Rating Scale“ (MARS-G) bewertet. Weiterhin wurde analysiert, inwieweit die Apps die Sexualaufklärung ganzheitlich gemäß der World Health Organization (WHO) und Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) unterstützen können. Ergebnisse: Unter 7 318 gescreenten Apps erfüllten sechs Apps die gewählten Einschlusskriterien. Die Apps zur Sexualaufklärung weisen eine durchschnittliche Qualität von M = 3.54 ( SD = 0.65, Min = 2.64, Max = 4.45) auf. Die App „Bill Sanders“ erzielte auf allen Subdimensionen der MARS-G zumindest akzeptable Werte. Für die App der Psychosozialen Aids-Beratungsstelle der Caritas München „Only Human“, die nahezu sämtliche Bereiche der Sexualaufklärung thematisiert, ergaben sich besonders positive Bewertungen. Schlussfolgerung: Deutschsprachige Apps zur Sexualaufklärung weisen eine mittlere Güte auf. Anhand des Qualitätsratings wurde deutlich, dass prinzipiell geeignete Apps insbesondere in Funktionalität, Ästhetik und subjektiver Qualität Mängel aufweisen. Diese sollten zunächst behoben werden, um anschließend wissenschaftliche Evaluationen, die die Wirksamkeit der Apps untersuchen, im Feld durchzuführen. Bisher fehlen derartige Wirksamkeitsstudien, daher kann nur bedingt zum Einsatz dieser Apps geraten werden.

  • Armin Soave; Frederik König, Roland Dahlem, Michael Rink, Silke Riechardt, Margit Fisch, Peer Briken & Timo Nieder: Induratio penis plastica: Herausforderungen der somatischen Therapie und Unterstützungsmöglichkeiten durch Psychotherapie
    Zusammenfassung:

    Einleitung: Die Induratio penis plastica (IPP) ist eine erworbene chronische Erkrankung der Tunica albuginea und/oder des Septums der Corpora cavernosa, die zu Deformitäten und Verkrümmungen des Penis führen und die Sexualität der Betroffenen stark beeinträchtigen kann. Darüber hinaus kann die IPP bei den betroffenen Patienten zu emotionalen Problemen und zu Beziehungsproblemen führen. Forschungsziele: Die vorliegende Übersichtsarbeit gibt einen Überblick über die konservativen und chirurgischen Therapieoptionen der IPP, geht detailliert auf die psychischen Besonderheiten und Probleme der Betroffenen ein und stellt mögliche psycho- und sexualtherapeutische Interventionen dar. Methoden: Es handelt sich um eine nicht-systematische narrative Übersichtsarbeit. Mithilfe einer Pubmed-Datenbankanalyse wurden Original- und Übersichtsarbeiten zur IPP identifiziert und im Hinblick auf Methodik und Ergebnisse ausgewertet. Überlegungen zur interdisziplinären Integration einer unterstützenden Psychotherapie werden angestellt. Ergebnisse: Die konservative und die chirurgische Therapie stellen keine kausale, sondern eine symptomatische Behandlung dar. Die Effektivität der konservativen Therapie ist eingeschränkt. Die chirurgische Therapie stellt den Goldstandard zur Behandlung der schweren IPP dar, kann aber Nebenwirkungen wie erektile Dysfunktion und Längenverlust des Penis zur Folge haben. Die IPP führt häufig zu psychischen Belastungen, die im Rahmen einer interdisziplinär integrierten Psychotherapie adressiert werden sollten. Ein entsprechend kombiniertes Vorgehen wird vorgeschlagen. Schlussfolgerung: Um die Erwartungen an die konservative und chirurgische Therapie nicht zu überhöhen, müssen die Patienten über die Möglichkeiten und Limitationen realistisch und ausführlich aufgeklärt werden. Die psychischen Spezifika und Belastungen sollten bei der Therapie der IPP interdisziplinär integriert berücksichtigt werden.

Dokumentation

Praxisbeitrag

Debatte

Bericht

Heft 3/2021 der Zeitschrift für Sexualforschung: Schwerpunktheft "Sexualität und Behinderung"

Heft 3/2021 der Zeitschrift für Sexualforschung (Schwerpunktheft "Sexualität und Behinderung") und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Editorial

Originalarbeiten

  • Wencke Chodan, Frank Häßler & Olaf Reis: Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche mit Behinderungen: Erweiterter Forschungsstand seit 2014 und praktische Konsequenzen
    Zusammenfassung:

    Einleitung: Kinder und Jugendliche mit Behinderungen stellen eine Hochrisikogruppe dar, die signifikant häufiger von sexualisierter Gewalt betroffen ist als Kinder und Jugendliche ohne Behinderungen. Forschungsziele: Das vorliegende narrative Review aktualisiert den Überblick über die internationale Forschungslage zu Prävalenz, Risikofaktoren und Interventionen von und bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche mit Behinderungen. Methoden: Durch systematische Recherchen in Pubmed, PsycINFO und verschiedenen Suchmaschinen wurden 39 Publikationen extrahiert, die seit 2014 das Themenfeld der sexualisierten Gewalt gegen Kinder und Jugendliche mit Behinderungen beleuchten und damit einen Reviewartikel von 2014 aktualisieren. Ergebnisse: Die eingeschlossenen 39 Artikel wurden in die Bereiche Epidemiologie (Prävalenz n = 17, Risikofaktoren n = 5, Folgen sexualisierter Gewalt n = 2), Versorgung (Prävention n = 7, Intervention n = 6) und Verschiedenes ( n = 2) unterteilt. Eine aktuelle Metaanalyse unterstreicht das erhöhte Risiko für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen im Vergleich zu Gleichaltrigen ohne Behinderungen, von sexualisierter Gewalt betroffen zu werden. Zwei neu entwickelte, strukturierte und evaluierte Präventionsprogramme treten diesem Risiko entgegen. Für die Versorgung von Kindern und Jugendlichen nach dem Erleben von sexualisierter Gewalt gibt es lediglich für Kinder und Jugendliche mit Hörbehinderungen eine Publikation mit konkreten Hinweisen; für alle anderen Behinderungsformen ließ sich auch seit 2014 kein evaluiertes Programm auffinden. Schlussfolgerung: Implikationen für künftige Forschung zu sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und deren Versorgung werden diskutiert.

  • Barbara Ortland & Ann-Kathrin Scholten: “Man wird bei diesem Thema gerne mal übersehen“ – eine Exploration sexueller Themen in Weblogs von Menschen mit Körperbehinderungen
    Zusammenfassung:

    Einleitung: Blogs sind eine niedrigschwellige Möglichkeit, private und autobiografische Beiträge einer weitestgehend anonymen Leser:innenschaft im Internet zur Verfügung zu stellen. Menschen mit Körperbehinderungen nutzen diese Plattform, um aus ihrem Leben und von ihren Erfahrungen zu berichten. Auch sexuelle Themen finden dabei Berücksichtigung. Forschungsziele: Ziel der vorliegenden Studie war die Ermittlung von sexuellen Themen, die Menschen mit sichtbaren Körperbehinderungen in Blog-Posts veröffentlichen. Durch die Analyse von autobiografischen Posts sollen die wesentlichen Anliegen der Blogger:innen im Sinne der Selbstermächtigung hervorgehoben und darüber hinaus in den wissenschaftlichen Diskurs eingebracht werden. Methoden: Es wurde eine explorativ qualitative Analyse nicht kommerzieller Blog-Posts durchgeführt. Die Auswertung der Blogbeiträge erfolgte anhand der qualitativen Inhaltsanalyse nach [Mayring (2015)] . Das Kategoriensystem wurde in Anlehnung an die „Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit“ (ICF) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelt. Ergebnisse: Es dominieren Themen, die aus der Auseinandersetzung mit behindernden Umweltfaktoren resultieren. Ungewollte Fremdbewertungen wirken selbstwertschädigend. Die Blogger:innen nehmen als Expert:innen in eigener Sache klar Stellung. Schlussfolgerung: Menschen mit Körperbehinderungen sollten für ihre Belange und Themen sowohl in wissenschaftliche als auch politische Diskurse deutlicher einbezogen werden. Eine behinderungsspezifische Sexualpädagogik kann die sexuelle Entwicklung positiv unterstützen.

Praxisbeitrag

Debatte

Bericht

Heft 2/2021 der Zeitschrift für Sexualforschung

Heft 2/2021 der Zeitschrift für Sexualforschung und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

  • Jonas A. Hamm & Timo O. Nieder: Trans*-Sexualität neu denken: Eine partizipative Interviewstudie zu gelingender Sexualität ohne Genitalangleichung
    Zusammenfassung:

    Einleitung: Studien zur Sexualität von trans* Personen sind häufig durch das heteronormative Bias geprägt, alle trans* Personen würden eine Genitalangleichung anstreben, um penil-vaginalen penetrativen Geschlechtsverkehr ausüben zu können, als (trans*) Mann in der insertiven, als (trans*) Frau in der aufnehmenden Rolle. Diese Studie untersucht erstmals die Sexualität von trans* Personen, die keine Genitalangleichung anstreben und mit ihrer Sexualität zufrieden sind. Forschungsziele: Ziel der Studie ist es, die individuelle Sexualität von Menschen dieser Personengruppe zu beleuchten und die intrapsychischen, interaktionellen und kollektiven Ressourcen zu analysieren, auf die sie dabei zurückgreifen. Darunter fallen auch Strategien, um den scheinbaren Widerspruch von Geschlechtsidentität und Körperlichkeit zu überbrücken. Methoden: Es wurden sechs leitfadengestützte qualitative Interviews durchgeführt und mithilfe einer inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet. Die Studie beinhaltete verschiedene partizipative Elemente. So wurden die Ergebnisse im Rahmen einer partizipativen Feedbackschleife durch die Teilnehmenden kommunikativ validiert. Ergebnisse: Die Teilnehmer_innen berichten von vielfältigen, genitalen wie non-genitalen sexuellen Praktiken, die unabhängig von den damit assoziierten Geschlechterrollen stattfinden. Dabei greifen sie auf verschiedene Ressourcen und Strategien zurück. Insbesondere wird die geschlechtsanzeigende Funktion von Genitalien auf drei Ebenen dekonstruiert: individuell durch die Teilnehmenden selbst, interaktionell über die Anerkennung ihrer Geschlechtsidentität durch sexuelle Partner_innen und kollektiv durch die Communitys, in denen sie sich bewegen. Schlussfolgerung: Die Studie entkräftet die oft unhinterfragte Vorannahme, dass trans* Personen per se ihre Genitalien nur widerwillig oder unter Erfahrungen von körperlicher Dysphorie in der Sexualität einsetzen. Mit den richtigen Ressourcen müssen sexuelle Rolle, Genitalienstatus und Geschlechtsidentität nicht stereotyp zusammenfallen, um gelingende Sexualität zu praktizieren.

  • Madita Hoy, Pauline Villwock, Bernhard Strauß & Katja Brenk-Franz: Die Rolle der Stimulationsart für den weiblichen Orgasmus: Psychometrische Eigenschaften der deutschsprachigen Version der Female Orgasm Scale (FOS) und der Clitoris Self-Stimulation Scale (CSSS)
    Zusammenfassung:

    Einleitung: Ob Frauen Orgasmen erleben und welche subjektive Bedeutung diese haben, kann deutlich nach Stimulationsart variieren. Trotzdem wird Orgasmuserleben in Fragebögen häufig eindimensional erfasst, ohne auf die Stimulationsart einzugehen, was zu Verzerrungen der Antworten führen kann. Auch ob der Orgasmus eigenverantwortlich angestrebt wird, bleibt unbeachtet. Forschungsziele: Das Ziel dieser Studie ist es, eine sprachlich adaptierte Version der Female Orgasm Scale (FOS) und der Clitoris Self-Stimulation Scale (CSSS) zu erstellen und eine psychometrische Überprüfung an einer deutschen Stichprobe vorzunehmen. Methoden: Die Female Orgasm Scale (FOS) erfasst, wie regelmäßig Orgasmen durch verschiedene Stimulationsarten (vaginaler Geschlechtsverkehr mit und ohne zusätzliche Klitorisstimulation, Stimulation durch die Hand des Partners, Oralsex, Selbststimulation) erlebt werden, sowie die Zufriedenheit mit Anzahl und Qualität der Orgasmen. Die Clitoris Self-Stimulation Scale (CSSS) erfasst das Verhalten, den Affekt und die Einstellung bezüglich Klitorisselbststimulation, um beim Sex mit dem Partner einen Orgasmus zu erleben. Mittels einer Online-Umfrage, die 412 Frauen bearbeiteten, wurden die Instrumente deskriptiv und faktorenanalytisch überprüft. Ergebnisse: Es ergaben sich überwiegend gute Testgütekriterien, die interne Konsistenz der FOS-D ergab α = .77 und die der CSSS-D α = .81. Für die FOS-D konnten zwei Faktoren extrahiert werden: 1. Orgasmuskonsistenz durch vaginale Penetration und Orgasmuszufriedenheit und 2. Orgasmuskonsistenz durch klitorale Stimulationsarten. Für die CSSS-D ergab sich nur ein Faktor. Schlussfolgerung: Die Instrumente können die Diagnostik und Therapie von sexuellen Funktionsstörungen der Frau unterstützen, da sie ein differenziertes Bild des Orgasmuserlebens sowie des damit verbundenen Verhaltens bei partnerschaftlicher Sexualität liefern.

Dokumentation

Praxisbeitrag

Bericht

Heft 1/2021 der Zeitschrift für Sexualforschung

Heft 1/2021 der Zeitschrift für Sexualforschung und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

  • Julia Velten u.a.: Wie häufig werden Diagnosen aus dem Bereich der sexuellen Funktionsstörungen an deutschen Hochschulambulanzen für Psychotherapie an psychologischen Instituten vergeben?
    Zusammenfassung:

    Einleitung: Sexuelle Funktionsstörungen gelten als häufig. Gleichzeitig fehlen epidemiologische Daten zur Behandlungsprävalenz sexueller Funktionsstörungen in der ambulanten Psychotherapie. Im Rahmen eines Projekts zur Koordination der Datenerhebung an den deutschen Hochschulambulanzen für Psychotherapie wird erstmals eine Schätzung für dieses Behandlungssegment möglich. Forschungsziele: Das Ziel dieser Studie ist die Darstellung der festgestellten F52-Diagnosen an deutschen Hochschulambulanzen für Psychotherapie an psychologischen Instituten. Methoden: 16 Hochschulambulanzen für Erwachsene übermittelten ausgewählte Daten zur Eingangsdiagnostik ihrer Patient_innen ( N  = 4 504; M Alter  = 37.87; SD  = 13.47; Altersbereich  = 15 bis 86 Jahre; 65.3 % weiblich) aus dem Jahr 2016. In der hier vorgestellten Studie wird spezifisch die Häufigkeit der Vergabe von Diagnosen aus dem ICD-Kapitel F52 analysiert. Ergebnisse: Insgesamt wurde in 32 Fällen (0.7 %) die Diagnose einer sexuellen Funktionsstörung vergeben, in acht Fällen (0.2 %) als Hauptdiagnose. In 31 Fällen (96.9 %) waren auch komorbide Störungen gegeben, hauptsächlich Angststörungen (34.4 %) und affektive Störungen (53.1 %). Unter den Hauptdiagnosen war der nichtorganische Vaginismus ( n  = 3) der häufigste Grund, eine psychotherapeutische Hochschulambulanz eines psychologischen Instituts aufzusuchen. Die Häufigkeit von F52-Diagnosen in den 16 Ambulanzen schwankte zwischen 0 % und 1.2 %, und acht der 16 Ambulanzen vergaben überhaupt keine F52-Diagnosen. Schlussfolgerung: Die Werte in der vorliegenden Behandlungsstichprobe erscheinen vor dem Hintergrund der Prävalenzdaten aus Bevölkerungsstudien als auffällig niedrig. Hierfür können neben methodischen und studienspezifischen Gründen auch Aspekte der psychotherapeutischen Versorgung sowie Beurteilungsfehler bei der Diagnosevergabe verantwortlich sein.

  • Ralf Binswanger: Mehr Klarheit beim Reden über Sexualität! Ein dynamisches Modell zur Strukturierung sexualwissenschaftlicher Diskurse
    Zusammenfassung:

    Einleitung: In den Sexualwissenschaften und vor allem in der Therapie sexueller Probleme besteht eine andauernde Verunsicherung angesichts der verwirrenden Vielfalt gewachsener sexualwissenschaftlicher Konzepte sowie dem Nebeneinander von alten und neuen Normen. Der zeitgeistigen Entpathologisierung der verschiedensten sexuellen Aktivitäten steht die Notwendigkeit gegenüber, sexuelles Leiden zu verstehen und zu behandeln. Forschungsziele: Ziel dieser Arbeit ist es, die verwirrende Vielfalt auf eine Art und Weise zu ordnen, welche die Verständigung erleichtert und insbesondere zu klären hilft, wann eine psychodynamische Therapie sexuellen Verhaltens indiziert ist und wann nicht. Methoden: Es wird auf konzeptueller Ebene ein Modell eingeführt, das vorschlägt, Sexualität in sexualwissenschaftlichen Diskursen und klinisch-therapeutischen Kontexten konsequent unter zwei Gesichtspunkten zu betrachten: unter dem Gesichtspunkt der Persönlichkeitsstruktur und unter dem Gesichtspunkt von sexuellem Verhalten und Fantasieren. Diese beiden Gesichtspunkte werden Sexualität per se und Sexualität in actu genannt. Nach einer detaillierten Darstellung und Begründung des Modells wird dessen Brauchbarkeit als Orientierungshilfe im Umgang mit theoretischen Diskursen und praktisch-klinischen Fragen an verschiedenen kasuistischen und theoretischen Beispielen illustriert. Ergebnisse: Unter dem Gesichtspunkt Sexualität per se stehen Homosexualität und pervers genannte Sexualitäten auf der gleichen Ebene – gleichsam gleichberechtigt – neben der Heterosexualität. Dadurch erschließt sich die Unangemessenheit ihrer Pathologisierung und allfälliger Versuche, sie zu therapieren. Die Frage, wann Behandlungen indiziert sind, erschließt sich ausschließlich unter dem Gesichtspunkt Sexualität in actu und auf der Basis einer Klärung der Frage, welche Funktion bei jedem einzelnen sexuellen Verhalten und Fantasieren das Primat hat, d. h. primär motivations- und handlungsleitend ist: die sexuelle Funktion (Triebbefriedigung) oder verschiedene nicht-sexuelle Funktionen (Aggressionsabfuhr, narzisstische Stabilisierung, Bindungsbedürfnisse, Inszenierung neurotischer Konflikte, Weitergabe erlittener Traumata u. v. a. m.). Pathologische und womöglich psychodynamisch therapierbare sexuelle Aktivitäten sind durch das Primat nicht-sexueller Funktionen gekennzeichnet. Schlussfolgerung: Das Modell scheint sich speziell dafür zu eignen, in sexualwissenschaftlichen und sexualtherapeutischen Diskursen orientierend zu wirken, was insbesondere den angemessenen und entspannten therapeutischen Umgang mit Betroffenen erleichtert.

Dokumentation

Debatte

2020

Heft 4/2020 der Zeitschrift für Sexualforschung: Schwerpunktheft "Sexarbeit in Deutschland: Zwischen Fakten und Fiktionen"

Heft 4/2020 der Zeitschrift für Sexualforschung (Schwerpunktheft "Sexarbeit in Deutschland: Zwischen Fakten und Fiktionen") und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

  • Ursula Probst: Vielschichtige Lebenswelten, komplexe Vulnerabilitäten – zur Lebens- und Arbeitssituation der Frauen am Straßenstrich im Berliner Kurfürstenkiez
    Zusammenfassung:

    Einleitung: Die medialen und politischen Diskussionen über den Straßenstrich im Berliner Kurfürstenkiez und die Lebenssituationen der dort tätigen Frauen sind von Debatten um Sexarbeit und Menschenhandel geprägt. Diese Debatten polarisieren zwischen der Negation der agency bzw. Handlungsfähigkeit von Personen in der Sexarbeit als passive Opfer und einem dekontextualisierten Verständnis von agency als Wahl- bzw. Entscheidungsfreiheit. Im Anschluss an die sozialwissenschaftliche Kritik an diesen Debatten verfolgt dieser Artikel einen Ansatz, der Handlungsfähigkeit in gesellschaftlichen Strukturen verortet begreift, die individuelle Interpretationen und Möglichkeiten dieser Handlungsfähigkeit bedingen. Forschungsziele: Der Artikel thematisiert die verschiedenen sozialen Positionierungen und damit zusammenhängenden Vulnerabilitäten von Frauen am Straßenstrich im Kurfürstenkiez und analysiert darauf aufbauend deren Interpretationen und Limitationen von Handlungsfähigkeit. Methoden: Die Analyse basiert auf einer 14-monatigen ethnografischen Forschung von Juli 2017 bis August 2018, bei der u. a. teilnehmende Beobachtungen im Kurfürstenkiez sowie Gespräche und narrativ-biografischen Interviews mit 17 dort tätigen cis und trans Frauen aus Bulgarien und Ungarn durchgeführt wurden. Ergebnisse: Anhand von zwei Fallbeispielen wird aufgezeigt, dass die Frauen als Mütter, EU-Bürgerinnen, Angehörige ethnischer Minderheiten etc. verschiedene Positionen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Strukturen und Hierarchien einnehmen, die sich mitunter gegenseitig bedingen und verschiedene Formen von Vulnerabilitäten erzeugen, die sich wiederum auf die (eigene Wahrnehmung von) Handlungsfähigkeiten auswirken. Schlussfolgerung: Der Artikel eröffnet eine Perspektive, die die Frauen im Kurfürstenkiez als grundsätzlich handlungsfähige, aber aufgrund ihrer sozialen Positionierungen in vielerlei Hinsicht vulnerable Subjekte begreift und somit eine differenzierte und kontextualisierte Analyse der Problemstellungen im Kurfürstenkiez ermöglicht. Damit wird die Komplexität der Situation am Straßenstrich sichtbar.

  • Christine Körner, Tzvetina Arsova Netzelmann, Maia Ceres, Deborah Hacke & Elfriede Steffan: Sexuelle Gesundheit in der Sexarbeit vor dem Hintergrund des Prostituiertenschutzgesetzes (ProstSchG): Einschätzungen von Berater*innen und Sexarbeiter*innen
    Zusammenfassung:

    Einleitung: Das 2017 in Deutschland in Kraft getretene Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) verlangt eine Pflichtberatung für Sexarbeitende, die nun zusätzlich zu den bereits bestehenden freiwillig wahrnehmbaren Angeboten auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) von den Gesundheitsämtern vorgehalten werden muss. Beide Angebotsformate überschneiden sich darin, dass sie dem Erhalt der sexuellen Gesundheit dienen sollen, unterscheiden sich aber in anderen Aspekten grundlegend (u. a. thematisch, Freiwilligkeit). Forschungsziele: Ziel der vorliegenden Pilotstudie war es zu erkunden, wie der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) die bestehenden gesundheitlichen Angebote und die neue ProstSchG-Pflichtberatung für Sexarbeitende organisiert, wie diese neue Angebotsstruktur von den Sexarbeitenden angenommen wird und wie sie insgesamt aus fachlicher Sicht zu bewerten ist. Methoden: Im Herbst 2019 wurden Interviews mit N  = 11 Mitarbeitenden von Gesundheitsämtern, Fachberatungsstellen und Fachverbänden durchgeführt und zudem die Sichtweisen von N  = 185 Sexarbeitenden mittels Online-Befragung eingeholt. Ergebnisse: Es zeigte sich, dass die noch im Prozess befindliche Umsetzung regional sehr unterschiedlich erfolgt und diverse Probleme aufwirft (z. B. durch fehlende Freiwilligkeit und fehlende Vertraulichkeit). Durch die neue Angebotsstruktur werden zahlreiche Sexarbeiter*innen nicht (mehr) erreicht. Diejenigen Sexarbeiter*innen, die die ProstSchG-Pflichtberatung absolviert haben, äußern teilweise deutliche Kritik (z. B. abschätzige Behandlung, fehlende Fachkompetenz für bestimmte Bereiche der Sexarbeit wie BDSM). Schlussfolgerung: Hilfebedürftige Sexarbeitende sind auf die Angebote des ÖGD angewiesen. Der ÖGD sollte nach außen viel deutlicher machen, dass es für Sexarbeitende neben der ProstSchG-Pflichtberatung auch eine freiwillige und anonym wahrnehmbare Beratung mit medizinischer STI-/HIV-Diagnostik sowie teilweise zusätzliche psychosoziale Beratungsangebote gibt. Diese freiwillig und anonym wahrnehmbaren Angebote einschließlich der Beratung und der aufsuchenden Arbeit an Orten der Sexarbeit sind essenziell, um gerade vulnerable Sexarbeitende zu erreichen, ihre sexuelle Gesundheit zu fördern und sie in Not- und Krisenfällen zu unterstützen.

Dokumentation

Praxisbeitrag

Heft 3/2020 der Zeitschrift für Sexualforschung

Heft 3/2020 der Zeitschrift für Sexualforschung und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

  • Maika Böhm: Schwangerschaftsabbrüche – Entscheidungsprozesse und Erfahrungen mit psychosozialer und medizinischer Versorgung aus Sicht junger Frauen
    Zusammenfassung:

    Einleitung: Schwangerschaftsabbrüche sichern reproduktive Selbstbestimmung und sind als Menschenrecht anerkannt. Gleichzeitig werden sie oft gesellschaftlich missbilligt, sind in Deutschland nach wie vor strafrechtlich verankert und erfordern eine Pflichtberatung. Forschungsziele: Die vorliegende Studie verfolgt das Ziel zu rekonstruieren, warum und wie junge Frauen sich unter diesen Bedingungen für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, wie sie dabei die Pflichtberatung und die medizinische Versorgung einschätzen und den Abbruch im Rückblick bewerten. Methoden: Interviewdaten von n = 10 Studentinnen, die während ihrer (hoch-)schulischen Ausbildung einen Abbruch vornehmen ließen, wurden qualitativ erhoben und inhaltsanalytisch ausgewertet. Ergebnisse: Die Daten zeigen, dass die Befragten klare und oft ähnliche Gründe für den Abbruch hatten und die Pflichtberatung bei ihrer Entscheidungsfindung kaum eine Rolle spielte. Im Rückblick beurteilten die Frauen den Abbruch als richtige Entscheidung. Schlussfolgerung: Sinn und Nutzen der Pflichtberatung nach § 218a StGB gilt es ebenso zu überdenken wie das gesamte Unterstützungssystem, das bei ungewollten Schwangerschaften bereitsteht.

  • Folke Brodersen: „Er hat verstanden, welche Verantwortung er trägt.“ Das Phänomen sexueller Kontrolle in Reportagen von und über Pädophile
    Zusammenfassung:

    Einleitung: Mediale Darstellungen der Pädophilie ändern sich. Im Kontext von therapeutischen und Selbsthilfeangeboten entstehen seit Ende der 2000er-Jahre Repräsentationen kontrollierter Sexualität, die sich von Verwerfungen als „Monster“ und als „Bandenkrimineller“ unterscheiden. Forschungsziele: Der Beitrag untersucht die Struktur und rekonstruiert die Bedingungen und Effekte des medialen Diskurses. Er fragt erstens nach Rhetoriken, die eine andere Repräsentation möglich erscheinen lassen. Zweitens diskutiert er, wie vor dem Hintergrund der historischen Abwertungen und Verwerfungen ein pädophiles Subjekt medial neu bzw. anders konstituiert werden kann. Methoden: Untersuchungsgegenstand sind 33 Print- und audio(-visuelle) Reportagen, die pädophile Teilnehmende an therapeutischen und/oder Selbsthilfeangeboten porträtieren. Diese werden innerhalb der Phänomenstruktur der Grounded Theory analysiert. Ergebnisse: In den medialen Repräsentationen wird Pädophilie ursächlich als Gefahr entworfen und zugleich negiert: Das Potential des sexuellen Kindesmissbrauchs wird ausgewiesen, erscheint aber als nicht zwingende Folge der sexuellen Disposition. Intervenierende Bedingung dafür ist die medizinische Rahmung als überzeitliche, unveränderbare Sexualität, mit der eine prekäre Patho-Normalisierung ebenso wie die Möglichkeit der Kontrolle auf der Handlungsebene einhergeht. Die Problemlösung der sexuellen Kontrolle wird in den Reportagen anhand von drei Subjektpositionen nachgezeichnet: der leidenden Seele auf dem Weg zur Therapie, dem vom eigenen Gewissen verfolgten Empathiker und dem herausgeforderten, sich aber aufopfernden Helden. Gesellschaftlich ergibt sich aus Mitgefühl und rationaler Abwägung eine Aufforderung zur Entstigmatisierung. Schlussfolgerung: Der Beitrag rekonstruiert eine Gegen-Emotionalisierung und technokratische Kontrollversprechen als Entstehungsbedingungen eines neuen legitimen pädophilen Subjekts. Dieses konstituiert ein Gegenbild zu vorherigen Darstellungen, unternimmt eine teilweise Normalisierung und deutet in Teilen Idealisierungen des Pädophilen als Kindern besonders zugewandtem Subjekt an.

Dokumentation

Fallbericht

Debatte

Bericht

Heft 2/2020 der Zeitschrift für Sexualforschung

Heft 2/2020 der Zeitschrift für Sexualforschung und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

  • Nicola Döring & Roberto Walter: Wie verändert die COVID-19-Pandemie unsere Sexualitäten? Eine Übersicht medialer Narrative im Frühjahr 2020
    Zusammenfassung:

    Einleitung: Anlässlich der COVID-19-Pandemie wurden ab März 2020 in Deutschland und vielen anderen Ländern weitreichende Infektionsschutzmaßnahmen verhängt. Deren Auswirkungen auf Individuen und Gesellschaft waren sofort Gegenstand intensiver medialer Debatten. Forschungsziele: Vor diesem Hintergrund verfolgt die vorliegende Studie das Ziel, die medialen Narrative speziell zu sexualitätsbezogenen Veränderungen durch die COVID-19-Pandemie herauszuarbeiten. Methoden: Dazu wurde eine Stichprobe von N  = 305 massenmedialen Beiträgen aus dem Februar und März 2020 hinsichtlich 1) der behandelten Aspekte von Sexualität (z. B. Partnersex, Solosex), 2) der angebotenen Corona-Sex-Narrative (z. B. Mehr-Partnersex-Narrativ; Weniger-Partnersex-Narrativ) sowie 3) der Meta-Narrative (z. B. Krise als Chance, Krise als Risiko, Krise als Chance und Risiko zugleich) analysiert. Zudem wurden exemplarisch Beiträge aus Sozialen Medien untersucht. Die Studie folgt dem Open Science Ansatz: Stichprobe, Codebuch, Reliabilitätskoeffizienten und Datensatz sind über den Server der Open Science Foundation zugänglich. Ergebnisse: Es zeigte sich, dass in den Massenmedien Veränderungen beim Partnersex und Solosex sowie hinsichtlich verschiedener Aspekte sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechte auf der Agenda standen. Dabei wurden für Partnersex teilweise und für Solosex durchgängig Corona-Sex-Narrative angeboten, die eine Verbesserung der Situation in dem Sinne behaupten, dass es zu mehr und zu lustvollerem Sex kommt. Gleichzeitig gingen die problembezogenen Corona-Sex-Narrative fast durchgängig von einer Verschlimmerung der Lage aus, etwa einem Mehr an sexualisierter häuslicher Gewalt, einem Mehr an Zugangshürden zum Schwangerschaftsabbruch, einem Mehr an Ungewissheiten bei Schwangerschaft und Geburt, einem Mehr an ökonomisch existenzbedrohlichen Lagen in der Sexarbeit und einem Mehr an Diskriminierung von LGBTIQ -Personen. Schlussfolgerung: Im medialen Diskurs über sexualitätsbezogene Auswirkungen der COVID-19-Pandemie zeigten sich zwei auffällige Tendenzen: Eine sehr sexpositive, kommerzfreundliche bis geradezu glorifizierende Würdigung von Solosex und Onlinesex sowie eine starke Sensibilisierung für bestimmte Einschränkungen der sexuellen und reproduktiven Selbstbestimmung. Es bleibt unklar, inwiefern die medialen Corona-Sex-Narrative tatsächliche Veränderungen umfassend und akkurat abbilden, da dazu empirische Daten fehlen.

  • Pia Behrendt, Susanne Nick, Peer Briken & Johanna Schröder: Was ist sexualisierte Gewalt in organisierten und rituellen Strukturen? Eine qualitative Inhaltsanalyse der Erfahrungsberichte von Betroffenen und ZeitzeugInnen
    Zusammenfassung:

    Einleitung: Sexueller Kindesmissbrauch in organisierten und rituellen Strukturen (ORG) beinhaltet vernetzte TäterInnen-Gruppen mit einem ideologischen Überbau. Die definitorische Unschärfe des Begriffes „rituell“ erschwert den fachlichen Diskurs und die Aufklärung der Gesellschaft. Forschungsziele: Die vorliegende Studie verfolgt das Ziel herauszuarbeiten, wie Betroffene und ZeitzeugInnen organisierte und rituelle Merkmale der sexualisierten Gewalt beschreiben, um die Definition von ORG weiter ausdifferenzieren zu können. Methoden: Im Rahmen eines von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (UKASK) geförderten Projekts wurden 23 Transkripte vertraulicher Anhörungen (offene bis teilstrukturierte Interviews) sowie elf schriftliche Berichte von 33 Betroffenen und ZeitzeugInnen mittels eines mehrstufigen, inhaltsanalytischen Vorgehens ausgewertet (deduktiv-induktiv-deduktive Kategorienentwicklung). Ergebnisse: Die Struktur (z. B. vernetzte TäterInnen mit Einfluss auf Machtstrukturen) und Strategien (z. B. gezielte Aufspaltung und Konditionierung, oder Bedrohung) der TäterInnen-Gruppen wurden als organisierte Merkmale identifiziert. Weiterhin wurde die Verwendung von Ideologien (z. B. religiös, rechtsextrem, satanisch), Symbolik (z. B. Sprache, Objekte, Kleidung) und Praktiken (z. B. Zeremonien, Opferungen, Kannibalismus) als rituelle Merkmale gedeutet. Dabei entstand der Eindruck, dass die einzelnen Elemente eng miteinander verknüpft sind. Schlussfolgerung: Die Elemente ritueller Gewalt scheinen auf den Elementen organisierter Gewalt aufzubauen, eine Rechtfertigung der Gewalttaten zu bezwecken und diese gleichsam zu intensivieren. Rituelle Gewalt als einen ideologischen Subtyp organisierter Gewalt zu verstehen, kann die gesellschaftliche Aufklärung erleichtern und so die psychosoziale Versorgung betroffener Personen verbessern.

Dokumentation

Debatte

Bericht

Heft 1/2020 der Zeitschrift für Sexualforschung

Ende März 2020 ist Heft 1/2020 der Zeitschrift für Sexualforschung erschienen. Das Heft und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

  • Jonathan Czollek & Christoph Muck: Prävention sexualisierter Gewalt – Evaluation eines universitären Seminars für angehende Lehrkräfte
    Zusammenfassung:
    Einleitung: Angesichts hoher Prävalenzen und schwerwiegender Konsequenzen von sexualisierter Gewalt sind evidenzbasierte Präventionsansätze notwendig. Eine Variante stellen hierbei universitäre Seminare für angehende Lehrkräfte dar, da diese als potentielle Multiplikator_innen verschiedene präventive Schutzfunktionen einnehmen können. Forschungsziele: Da empirische Wirksamkeitsbelege hier jedoch weitgehend fehlen, war das Ziel dieser Studie die Evaluation eines universitären Seminares zur Prävention sexualisierter Gewalt. Dazu wurden aus der Bystander- und der Selbstwirksamkeitsforschung verschiedene Wirksamkeitskriterien abgeleitet: Vorurteile, Rollenambiguität, Selbstwirksamkeitserwartung, Klarheit der Grenzeinschätzung und sorgenvolle Emotionen. Methoden: Im Rahmen eines quasi-experimentellen Designs wurden einer Interventionsgruppe, die am Seminar teilnahm (N = 22; MAlter = 22.5, SD = 3.14), und einer Kontrollgruppe (N = 17; MAlter = 24.29, SD = 2.37) Fragebögen vorgelegt. Ergebnisse: Die Interventionsgruppe zeigte nach der Teilnahme signifikant weniger Vorurteile (d = -.74) und höhere Selbstwirksamkeitserwartung (d = .89). Es fanden sich Hinweise darauf, dass das Seminar die Rollenambiguität senkt (η2 = .57) und die Klarheit der Grenzeinschätzung steigert (d = 1.07). In Bezug auf die sorgenvollen Emotionen wurden keine Effekte gefunden.
  • Sabrina Eberhaut, Peer Briken & Reinhard Eher: Die Bedeutung kognitiver Verzerrungen für die Diagnose einer pädosexuellen Präferenzstörung bei inhaftierten Tätern mit Sexualdelikten in Österreich
    Zusammenfassung:
    Einleitung: Unter kindesmissbrauchsspezifischen kognitiv verzerrten Sichtweisen versteht man pathologische Wahrnehmungsverzerrungen, die es einem Täter ermöglichen, sexuelle Übergriffe auf Kinder zu bahnen und nach den Tathandlungen zu rechtfertigen. Zu diesen Verzerrungen zählen unter anderem die Annahmen, dass Kinder Sex mit Erwachsenen wünschen oder dass sexuelle Handlungen von Erwachsenen an Kindern diesen keinen Schaden zufügen. Forschungsziele: Zusammenhänge zwischen solchen Verzerrungen und dem Störungsbild einer Pädophilie wurden untersucht. Insbesondere verfolgten wir dabei die Hypothese, dass kognitive Verzerrungen Ausdruck eines klinischen Störungsbildes sind und nicht lediglich mit dem Umstand einhergehen, ein Kind sexuell zu missbrauchen. Methoden: Dafür wurde ein Fragebogen entwickelt, der N = 632 Tätern (davon N = 462 an Kindern) vorgelegt wurde, die in Österreich ein Sexualdelikt begangen hatten und deshalb eine Haftstrafe verbüßten. Die Täter wurden jeweils einer von insgesamt vier Gruppen zugeordnet (Sexualstraftäter mit erwachsenen Opfern, Kindesmissbrauchstäter ohne Diagnose einer Pädophilie, Kindesmissbrauchstäter mit nicht-ausschließlicher Pädophilie, Kindesmissbrauchstäter mit ausschließlicher Pädophilie). Die Ergebnisse wurden einer Faktorenanalyse unterzogen, die einzelnen Faktoren und der Gesamtwert auf Unterschiede zwischen den Tätergruppen überprüft. Ergebnisse: Die vorliegenden Daten legen den Schluss nahe, dass nicht der Umstand allein, ein Kind sexuell zu missbrauchen, mit solchen Verzerrungen einhergeht, sondern vielmehr die Diagnose einer pädophilen Störung. Insbesondere Personen mit der Diagnose einer ausschließlichen pädophilen Störung gaben derartige Kindesmissbrauchsmythen an. Vor allem Glaubenssätze, die aus psychodynamischer Sicht als Spaltung, Projektion und projektive Identifizierung der eigenen Devianz auf Kinder verstanden werden können, waren bei gegebener Diagnose einer exklusiven pädophilen Störung am stärksten ausgeprägt. Schlussfolgerung: Wahrnehmungsverzerrungen können als Abwehrmechanismen einer pädophilen Störung verstanden werden, die auch zur Untermauerung der Diagnose dienen können.

Debatte

Bericht

Bericht

Nachruf

2019

Schwerpunktheft der Zeitschrift für Sexualforschung: Die neue „Anti-HIV-Pille“ (orale HIV-PrEP) und ihre Folgen

Heft 4/2019 der Zeitschrift für Sexualforschung widmete sich als ein von Nicola Döring herausgegebenes Schwerpunktheft der oralen HIV-Prä-Expositions-Prophylaxe (kurz: HIV-PrEP). Das komplette Heft finden Sie hier online.

Aus dem Editorial:

Seit September 2019 wird in Deutschland gemäß neuem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) der medikamentöse Schutz vor einer HIV-Infektion von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Technisch gesprochen geht es um die HIV-Prä-Expositions-Prophylaxe (kurz: HIV-PrEP oder PrEP). Die HIV-PrEP beinhaltet ein antiretrovirales Medikament und ist gedacht für HIV-negative Menschen, die ein substanzielles HIV-Übertragungsrisiko haben. Wenn sie täglich die „Anti-HIV-Pille“ einnehmen, erreichen sie einen klinisch nachgewiesen sehr hohen HIV-Infektionsschutz von bis zu 99 %. Neben der dauerhaften bzw. täglichen Einnahme (Long-term PrEP) ist auch eine anlassbezogene Einnahme möglich (Short-term PrEP, Event-driven PrEP, Episodic PrEP = Epi-PrEP). Die anlassbezogene PrEP kann beispielsweise gezielt für Partys, Festivals oder Reisen eingenommen werden, bei denen riskante Sexkontakte erwartet werden. Wer die verschreibungspflichtige PrEP einnimmt, muss alle drei Monate auf HIV, andere sexuell übertragbare Infektionen (Sexually Transmittal Infections: STI) und die Nierenfunktion untersucht werden. Eine gute medizinische Begleitung gehört zur PrEP also dazu.

Der medikamentöse HIV-Schutz wurde bereits 2012 in den USA zugelassen, Europa folgte 2016. Als Erstes ging das pharmazeutische Unternehmen Gilead mit dem auch in der HIV-Therapie genutzten Kombinationspräparat Truvada (Wirkstoffe: Emtricitabin und Tenofovir-Disoproxil) auf den Markt. Die Medikamentenkosten waren anfangs sehr hoch (ca. 800 Euro für eine Monatsdosis auf Privatrezept). Bis heute steht Gilead für seine Preispolitik bei der PrEP weltweit in der Kritik. Inzwischen sind jedoch deutlich kostengünstigere Generika verfügbar (ab 40 Euro für eine Monatsdosis). Zudem ist, wie eingangs erwähnt, die Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland jetzt prinzipiell gesichert.

Rund 30 Jahre nach Beginn der Aids-Epidemie besteht nun die Hoffnung, mit verstärkten Präventionsbemühungen – einschließlich der PrEP als hochwirksamer, neuer Methode im HIV-Präventionsbaukasten – bis 2030 eine „Welt ohne Aids“ zu schaffen. Gleichzeitig verspricht die PrEP einen deutlichen Zugewinn an sexuellem Wohlbefinden durch wiedergewonnene Angstfreiheit und unbeschwertere Lust. Oder ist diese Sichtweise zu optimistisch? Wie steht es um die – nicht nur medikamentösen – Risiken und Nebenwirkungen der PrEP? Das vorliegende PrEP-Schwerpunktheft der „Zeitschrift für Sexualforschung“ will diesen Fragen nachgehen, den aktuellen Diskussions- und Forschungsstand zur PrEP aufgreifen und weiterentwickeln.

Was ändert sich durch die PrEP?

Die aktuellen Auseinandersetzungen mit der oralen PrEP sind nicht nur mit den seit den 1960er-Jahren geführten Diskussionen um orale Kontrazeptiva für Frauen in Verbindung zu bringen, sondern natürlich vor allem auch mit den seit den 1980er-Jahren geführten kontroversen Debatten zu HIV und Aids. So sind in der „Zeitschrift für Sexualforschung“ in den letzten 30 Jahren rund 30 HIV-/Aids-bezogene Beiträge erschienen. Der früheste stammt von Martin Dannecker (1988) und vertrat die These „Aids ändert alles“, nämlich den gesamten gesellschaftlichen Umgang mit Sexualität, insbesondere mit männlicher Homosexualität, die durch Aids unter ein Diktat der allgegenwärtigen Angst und des Verzichts gestellt werde. Noch im selben Jahr konterte Reimut Reiche (1988) mit der These „Aids ändert nichts“: Grundlegende Triebängste und Triebwünsche rund um Sexualität seien schließlich immer gleich und würden nur anhand aktueller Phänomene – wie der damals angstvoll aufgeheizten Aids-Debatte – jeweils besonders sichtbar. Der Sorge um eine Re-Stigmatisierung mann-männlicher Sexualität widersprach Reiche mit der Feststellung, männliche Homosexualität sei in Wahrheit nie wirklich entstigmatisiert gewesen. Wie grundlegend, nachhaltig, bewusst und unbewusst die sexualmoralischen Änderungen sein werden, welche die noch relativ neue PrEP mit sich bringen wird, dürfen wir uns fragen.

Nicht zu vergessen ist indessen, dass Aids und PrEP insofern immer dann „sehr viel ändern“, wenn sie im Einzelfall tatsächlich Menschenleben bedrohen bzw. schützen. Die WHO zieht aktuell folgende Bilanz: Seit Beginn der Aids-Epidemie haben sich mehr als 70 Millionen Menschen mit HIV infiziert, knapp die Hälfte (35 Millionen Menschen) sind daran gestorben. Heute leben rund 37 Millionen Menschen weltweit mit HIV, davon werden bislang 22 Millionen (59 %) antiretroviral behandelt.

Vor gut zehn Jahre verkündete Martin Dannecker in dieser Zeitschrift den „Abschied von Aids“. Denn medizinisch ist die HIV-Infektion vom sicheren Todesurteil zu einer gut beherrschbaren chronischen Erkrankung mit durchschnittlicher Lebenserwartung geworden. Das gilt zumindest in Ländern mit hohem Wohlstandsniveau und guter medizinischer Versorgung. So schreitet die medizinische Forschung und Entwicklung im Bereich HIV fortwährend voran. Sozialwissenschaftlich ist das Interesse am Thema hierzulande jedoch offenbar deutlich zurückgegangen: Der letzte HIV-/Aids-bezogene Beitrag in dieser Zeitschrift erschien denn auch vor mehr als fünf Jahren. Buchrezensionen griffen das Thema jedoch gelegentlich noch auf. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist von dezidierten Anti-HIV-/Aids-Kampagnen („Gib AIDS keine Chance“) inzwischen umgestiegen auf Kampagnen, die neben HIV auch andere STI adressieren (z. B. Kampagne „Liebesleben“).

Das vorliegende Schwerpunktheft der „Zeitschrift für Sexualforschung“ möchte den Faden der HIV-Debatten wieder aufnehmen, umfassend zum Thema HIV-PrEP informieren und weitere Diskussionen und Forschungsaktivitäten anregen. Da die PrEP die HIV-Prävention momentan stark verändert, verdient sie das Interesse aller in der sexualbezogenen Forschung und Praxis Tätigen. Bislang fehlen für Deutschland empirische Daten zum PrEP-Wissen in der breiten Bevölkerung sowie beim medizinischen und sexualpädagogischen Fachpersonal. Anekdotisch zeigt sich jedoch relativ klar, dass noch große Wissenslücken bestehen. Fragen Sie sich selbst: Wie ist es um Ihre PrEP-Kenntnisse bestellt, und um die Ihrer Kolleg*innen und Freund*innen? Breite PrEP-Aufklärung ist also gefragt. Darüber hinaus ist die teilweise sehr polarisierte PrEP-Debatte ein spannendes Anwendungsfeld, um im fachlichen Diskurs wieder einmal die eigenen Affekte, Vorurteile und Werthaltungen zu prüfen und zu hinterfragen: Was genau bedeuten Sicherheit, Risiko und Verantwortungsbewusstsein beim Sex? Wie sind Kosten und Nutzen sowie unterschiedliche Risiken rational gegeneinander abzuwägen – etwa erhöhte gesundheitliche Risiken gegen den Nutzen sexuellen Vergnügens oder das bei alleiniger PrEP-Einnahme ohne Kondom deutlich geminderte HIV-Risiko gegen das gleichzeitig möglicherweise erhöhte Risiko anderer STI?

Zwei Forschungsbeiträge zur PrEP

Das vorliegende Heft enthält zwei Originalarbeiten, die Ergebnisse empirischer Forschung zur PrEP präsentieren. Der erste Originalbeitrag stammt vom Robert Koch-Institut: Viviane Bremer, Uwe Koppe, Ulrich Marcus und Klaus Jansen von der Abteilung Infektionsepidemiologie liefern einen Forschungsüberblick, welcher der Frage nachgeht, was wir über die Effekte der PrEP zur HIV-Prävention und im Zusammenhang mit der Verbreitung anderer STI bislang wissen. Dazu werden aktuelle Studienergebnisse und epidemiologische Daten aus Deutschland und Nachbarländern herangezogen. In diesem Zusammenhang spielt es eine wichtige Rolle, dass die Verordnung der PrEP mit regelmäßigen HIV- und STI-Tests und sofortiger Behandlung entdeckter Infektionen einhergeht.

Der zweite Originalbeitrag stammt von der Technischen Universität Ilmenau: Nicola Döring, Roberto Walter und Kathrin Knutzen vom Institut für Medien und Kommunikationswissenschaft analysieren, wie die PrEP in deutschsprachigen Medien dargestellt wird. Dazu wurden PrEP-Darstellungen in N = 150 Zeitungsartikeln und auf N = 150 Webseiten inhaltsanalytisch ausgewertet. Darüber hinaus wurden PrEP-Darstellungen in Sozialen Medien (YouTube, Facebook und Twitter) qualitativ erkundet.

Ein Kommentar zur PrEP-Leitlinie

An die Originalarbeiten schließt sich in der Rubrik „Dokumentation“ ein ausführlicher Kommentar der 2018 veröffentlichten Deutsch-Österreichischen S2k-Leitlinie zur HIV-PrEP an. Stefan Nagel, Psychoanalytiker und Chefarzt für Psychosomatik an der MEDIAN Klinik Heiligendamm, würdigt die Leitlinie als hilfreich, weist aber auch auf die Komplexität der Sachverhalte und auf jene Leitlinien-Empfehlungen hin, die keinen Konsens oder nur geringe Konsensstärke erreichten.

Die erste reguläre Überarbeitung der PrEP-Leitlinie wird im Jahr 2021 anstehen. Es wird sich zeigen, auf welche Evidenzlage die Leitliniengruppe bis dahin zugreifen kann. Kontrovers diskutiert wird bereits jetzt das richtige Maß für STI-Tests: Empfahlen die Aidshilfen bislang (mindestens) einmal pro Jahr eine HIV- und STI-Testung, so werden PrEP-Nutzende laut Leitlinie einmal pro Quartal getestet. Nicht nur die Häufigkeit der Tests steigt, auch das Spektrum der getesteten Erreger wird breiter. So wird bereits eine Integration regelmäßiger Testung auf Mycoplasma genitalium in die PrEP-Leitlinie gefordert. Dabei kann ein Zuviel an Testung und Behandlung auch Schaden anrichten, etwa weil dann seltene und schwere Behandlungsnebenwirkungen zunehmen, die in keinem Verhältnis zum erzielten Nutzen stehen. Hier besteht anhaltender Klärungsbedarf.

Fünfstimmige Debatte zu Praxiserfahrungen mit der PrEP

Im dritten Teil des Heftes geht es schließlich um Praxiserfahrungen. In einer mehrstimmigen Debatte wird die PrEP aus fünf verschiedenen Blickwinkeln betrachtet:

  • Perspektive einer PrEP-Nutzerin: Miriam, die anonym bleiben möchte, ist eine der ersten PrEP-Nutzerinnen in Deutschland. Sie führt ein aktives, selbstbestimmtes Sexualleben und greift aus guten Gründen zur PrEP, wie sie im Interview mit Holger Sweers erklärt.
  • Perspektive eines PrEP-Nutzers: Als Milan, der ebenfalls anonym bleiben möchte, mit der PrEP-Einnahme begann, war er als Single in der Schwulenszene unterwegs. Inzwischen lebt er in einer festen Partnerschaft. Warum er trotzdem weiterhin die PrEP einnimmt und wie es ihm damit geht, erzählt er im Interview mit Axel Schock.
  • Perspektive eines ehemaligen PrEP-Nutzers: Steve Spencer war einer der ersten PrEP-Nutzer in Australien und Gründungsmitglied von PAN (PrEP Access Now), einer Non-Profit-Organisation, die sich für niedrigschwelligen Zugang zur PrEP in Australien einsetzt. Trotz PrEP-Einnahme hat er sich 2018 mit HIV infiziert. Denn die PrEP bietet zwar einen sehr hohen, aber eben keinen perfekten Schutz. Wovor er jetzt Angst hat, und warum er sich immer noch für die PrEP stark macht, wird anhand seiner Pressebeiträge von Nicola Döring zusammengefasst.
  • Perspektive eines PrEP-Beraters: Arne Kayser arbeitet als Berater bei der Aidshilfe Bochum am WIR-Zentrum Bochum. Im Szene-Jargon zuweilen liebevoll-ironisch als „PrEP-Mutti von Bochum“ tituliert, hat er bislang knapp 200 PrEP-Nutzende begleitet und eine spezielle PrEP-Sprechstunde – die PrEPstunde – entwickelt, die sich großer Beliebtheit erfreut. Er kennt die vielfältigen Motive zur PrEP-Einnahme, aber auch Fallbeispiele, in denen er von der PrEP abrät.
  • Perspektive eines HIV-Behandlers: Sven Schellberg ist als Arzt in der Novopraxis tätig, einer HIV-Schwerpunktpraxis in Berlin. Er ist immer häufiger mit Patient*innen konfrontiert, die nach der PrEP fragen. Der Nutzen der PrEP ist für ihn unbestritten. Dennoch warnt er vor einer „Medikalisierung schwuler Sexualität“. Und er wünscht sich, dass offene Gespräche über sexuelles Verhalten und sexuelles Wohlbefinden, über HIV- und STI-Prävention nicht nur in HIV-Schwerpunktpraxen, sondern ganz selbstverständlich auch in anderen Arztpraxen stattfinden. Doch das scheint viel zu oft noch ein Tabu zu sein.

PrEP weiterdenken: internationaler, intersektionaler, interaktionistischer und zukunftsorientierter

Bei allem Bemühen um inhaltliche Vielfalt bleiben natürlich immer auch Lücken. Auf vier Limitationen der PrEP-Darstellungen in diesem Heft sei verwiesen:

Das vorliegende Schwerpunktheft ist primär auf die Situation der HIV-PrEP in Deutschland und vergleichbaren Ländern bezogen. Viele Punkte wären ganz anders zu diskutieren, wenn wir Länder in den Blick nehmen, die ein deutlich geringeres Bildungs- und Wohlstandsniveau, weniger Geschlechtergleichberechtigung, schlechteren Schutz vor sexueller Gewalt und dabei gleichzeitig viel höhere HIV-Prävalenzen aufweisen. Dann wäre nämlich z. B. die PrEP-Einnahme für gewaltbedrohte Mädchen und Frauen ein viel größeres Thema. Die PrEP-Debatte ist also internationaler zu denken, als sie im vorliegenden Heft erscheint.

Weiterhin ist die PrEP-Debatte auch diversitätssensibler und intersektionaler zu denken: Vielfach stehen MSM als scheinbar einheitliche Gruppe im Mittelpunkt, dabei wäre diese Gruppe noch weiter zu differenzieren (z. B. nach Alter, kulturellem und religiösem Hintergrund, sexueller Identität). Andere PrEP-Zielgruppen wie Trans*Personen, Sexarbeiter*innen, Inhaftierte und injizierende Drogengebraucher*innen mit ihren jeweiligen Untergruppen werden im vorliegenden Heft nur vereinzelt angesprochen und verlangen eine jeweils viel genauere Betrachtung. Das gilt insbesondere für injizierende Drogengebraucher*innen, bei denen das HIV-Transmissionsrisiko nicht primär sexualbezogen ist und deren Anliegen somit auch jenseits von Fragen des Safer Sex liegen, welche den PrEP-Diskurs hier und anderswo dominieren. Solche Differenzierungen sind wichtig für eine zielgruppengerechte PrEP-Versorgung, die immer auch durch entsprechende gesellschaftliche und institutionelle Bedingungen umfassender HIV-Prävention und Förderung sexueller Gesundheit unterlegt sein muss: Differenzierte Aufklärung, Entstigmatisierung, Empowerment, niedrigschwelliger (u. a. mehrsprachiger, kostenloser) Zugang zu Diagnostik, Beratung und Behandlung. Erste dezidiert diversitätssensible Vorzeige-Projekte wie z. B. Checkpoint BLN (https://checkpoint-bln.de/) existieren bereits.

Aus der HIV-Präventions-Debatte der letzten 30 Jahre haben wir unter anderem gelernt, dass es viel zu kurz greift, Übertragungsrisiken allein an Personenmerkmalen und Gruppenzugehörigkeiten festzumachen. Vielmehr sind die situativen Bedingungen einer sexuellen Begegnung und die Beziehungsdynamiken ausschlaggebend dafür, ob und wie überhaupt miteinander über STI und HIV gesprochen wird, ob und wie und durch wen Kondome, TasP, PrEP oder andere Safer-Sex-Maßnahmen ins Spiel gebracht werden. So mag Gelegenheitssex oftmals sicherer sein als Sex in Langzeitbeziehungen, weil beim Gelegenheitssex ein aktives Risikomanagement eher die Norm ist. Demgegenüber wirkt aktives Risikomanagement in Liebeskontexten oftmals so unromantisch und bedrohlich (weil sexuelle Vor- und Außenkontakte zum Thema werden), dass reale Risiken eher verdrängt werden. Der Umgang mit PrEP ist also auch deutlich situationsspezifischer und interaktionistischer zu denken, als es hier dargestellt wird. Das betrifft die Langzeiteinnahme sowie die anlassbezogene Anwendung der PrEP in risikoreichen Situationen und Lebensphasen, den sogenannten Seasons of Risk. Über die Voraussetzungen und Merkmale guter PrEP-Kommunikation mit medizinischem Fachpersonal sowie mit Sex- und Beziehungspartner*innen wissen wir noch zu wenig.

Weitgehend vernachlässigt werden im vorliegenden Heft zudem zukünftige Entwicklungen: Die orale HIV-PrEP mag nur die Vorbotin sein: Gleitgels, Klistiere, Vaginalringe, Dreimonatsspritzen, Implantate usw. zur PrEP werden bereits erprobt und könnten in näherer Zukunft zugelassen werden. Zukunftsbezogen muss man sich auch fragen, wie PrEP-Aufklärung und PrEP-Versorgung zu verbessern sind: Sollte die PrEP in ihren verschiedenen Varianten nicht in Zukunft selbstverständlicher Bestandteil der Sexualaufklärung für alle sein?

Es bleibt also viel Bedarf an weiterer Forschung. Deswegen laden wir Sie herzlich ein, PrEP-bezogene Originalarbeiten, Kommentare und Praxisbeiträge für die kommenden Ausgaben der „Zeitschrift für Sexualforschung“ einzureichen. Zunächst aber hoffen wir, Ihnen mit dem vorliegenden Schwerpunktheft zur HIV-PrEP inspirierenden Lesegenuss zu bieten.

Nicola Döring (Ilmenau)

Beitragsbild: National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) via Flickr

Heft 3/2019 der Zeitschrift für Sexualforschung

Ende September 2019 ist Heft 3/2019 der Zeitschrift für Sexualforschung erschienen. Das Heft und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Bei dem Heft handelt es sich um ein Debatten-Schwerpunktheft zur Frage „Wer oder was bestimmt das Geschlecht?“. Aus dem Editorial von Peer Briken:

„Das Thema Geschlecht beschäftigt uns in der Sexualforschung und in der Sexualmedizin auf vielfältige Weisen: In der Sex-Survey-Forschung gab es lange Zeit nur zwei Geschlechter: männlich und weiblich – wie in fast allen großen Bevölkerungsstichproben. Aber im Jahr 2019 können wir geschlechtliche Minderheiten in der Sex-Survey-Forschung nicht mehr einfach diskriminieren – indem wir sie unsichtbar machen – und wollen andere Wege für die Erfassung der geschlechtlichen Vielfalt gehen. In der Patient_innenversorgung sind trans Personen inzwischen eine große Gruppe, die in unterschiedlichen Kontexten beraten wird oder medizinische bzw. psychotherapeutische Unterstützung erhält. Hier entwickeln sich neue Standards (vor Kurzem wurden neue Leitlinien veröffentlicht), neue Wege der Versorgung (z. B. in Form von internetbasierter Gesundheitsversorgung), es werden aber auch viele schwierige Kontroversen ausgetragen, wie bspw. die Frage nach pubertätsunterdrückenden Hormonbehandlungen bei Jugendlichen. Angesichts der Einführung einer weiteren positiven Geschlechtskategorie im deutschen Recht im Dezember 2018 und den gesellschaftlichen Kontroversen zu Varianten der Geschlechtsentwicklung bzw. Intergeschlechtlichkeit können sich auch diejenigen Institutionen, die auf der Norm der Zweigeschlechtlichkeit bestehen wollen, nicht mehr einfach aus der Debatte zurückziehen. Daher haben wir beschlossen, das Thema in der „Zeitschrift für Sexualforschung“ aufzugreifen und ihm ein eigenes Schwerpunktheft zu widmen.

Geboren wurde die Idee im Zug: Vor einiger Zeit fuhr ich mit Jorge Ponseti und Aglaja Stirn mehrere Stunden gemeinsam von einem Forschungstreffen nach Hause. Zunächst sprachen wir über die Behandlung von Transgender-Jugendlichen – vor allem über die genannte Kontroverse um pubertätsunterdrückende Hormonbehandlungen –, bis wir auf das breite Thema Geschlecht kamen. Jorge Ponseti entwickelte dabei seine Gedanken und es zeigten sich sofort sehr unterschiedliche Standpunkte, die in eine interessante Diskussion zwischen uns dreien mündeten. Dies veranlasste mich, Ponseti und Stirn zu bitten, ihre Position schriftlich auszuarbeiten und als Aufschlag für eine breit geführte Debatte in der „Zeitschrift für Sexualforschung“ zur Verfügung zu stellen. Beide entwarfen einen umfangreichen Text und erklärten sich freundlicherweise einverstanden, dass wir diesen durch ausgewählte Kolleg_innen kommentieren lassen.

So können wir in diesem Heft nun eine spannende und hochkontroverse Debatte führen.“

Inhalt:

Debatte

  • Jorge Ponseti & Aglaja Stirn: Wie viele Geschlechter gibt es und kann man sie wechseln?
    Zusammenfassung:
    Die Aufteilung des Menschen in zwei Geschlechter wurde in jüngerer Vergangenheit kritisiert, da es keine genaue Grenze zwischen beiden Geschlechtern gebe und weil die Vorstellung von der Existenz zweier Geschlechter selbst das Ergebnis eines sozialen Konstruktionsprozesses sei. Daher sei Geschlecht etwas, was eine Person nur für sich bestimmen könne, folglich Transsexualität/Geschlechtsdysphorie keine psychische Störung und die Ansprüche der Betroffenen nach selbstbestimmter Wahl geschlechtsangleichender Maßnahmen legitim. In der vorliegenden Arbeit wird die klassische Auffassung der Zweigeschlechtlichkeit durch die Fortpflanzungsfunktion begründet. Die Unterschiedlichkeit von Samen- und Eizelle (Anisogamie) hat weitreichende Konsequenzen für die Lebenswirklichkeit des Menschen und begründet geschlechtstypische Verhaltensneigungen und Geschlechtsrollen. Der aktuelle Begriff Geschlechtsidentität wird kritisiert und einem anderen Identitätskonzept, das therapeutische Anknüpfungspunkte bietet, gegenübergestellt. Ferner wird erläutert, wie sich die Kritik am klassischen Geschlechtsbegriff nachteilig für die Sexualwissenschaft sowie auch für die Therapie geschlechtsdysphorischer Menschen auswirkt. Die Annahme, dass eine Psychotherapie der Geschlechtsdysphorie unethisch ist, wird diskutiert und den Ergebnissen neuerer Katamnesestudien gegenübergestellt. Unter Berücksichtigung neurowissenschaftlicher Studien werden Vorschläge für eine neue psychotherapeutische Strategie gemacht.
  • Robin Bauer: Biologie als Schicksal? Kommentar zu „Wie viele Geschlechter gibt es und kann man sie wechseln?“ aus wissenschafts- und gesellschaftstheoretischer Perspektive
    Zusammenfassung:
    Der Kommentar analysiert im ersten Teil das Wissenschaftsverständnis, das dem Beitrag von Ponseti und Stirn zugrunde liegt. Es wird entgegen dem Paradigma einer wertneutralen Wissenschaft argumentiert, dass die Erzeugung wissenschaftlichen Wissens im sozio-historischen und politischen Kontext gesehen werden muss, und dargelegt, inwiefern der Beitrag von Ponseti und Stirn auch eine politische Intervention darstellt. Der dem Artikel inhärente biologische Determinismus wird problematisiert. Im zweiten Teil wird argumentiert, dass Trans*Identitäten nur im gesellschaftlichen Kontext zu verstehen sind, vor allem in Bezug auf die wirkmächtige Norm der Zweigeschlechtlichkeit sowie die institutionellen Rahmenbedingungen eines Transitionsprozesses. Die Vielfalt der Strategien von Trans*Personen im Umgang mit ihren nicht normkonformen Selbstbildern wird Ponseti und Stirns Engführung aus der Begutachtungspraxis entgegengestellt.
  • Heinz-Jürgen Voß: Kommentar zu „Wie viele Geschlechter gibt es und kann man sie wechseln?“ aus biologischer Perspektive
    Zusammenfassung:
    Als promovierter Biologe gibt der Autor von „Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive“ (2010) einen Überblick über die biologische Forschung zu Geschlecht. Unhinterfragte Zweigeschlechtlichkeit wird als Gender-Ideologie dargelegt, indem eine differenzierte biologische Sichtweise auf Geschlecht aufgezeigt wird. Auch wird argumentiert, dass die Fortpflanzungsfähigkeit des Genitaltrakts nicht lebensnotwendig ist, sodass Varianz hier ebenso möglich ist wie bei sexuellen Lebensweisen.
  • Paula-Irene Villa: Geschlecht: Die Magie der Anisogamie. Ein Kommentar zu Ponseti und Stirn
    Zusammenfassung:
    Der Beitrag setzt sich mit den Argumenten und Studien auseinander, die Ponseti und Stirn aufbringen. Ihnen wird ein biologischer Reduktionismus bescheinigt, der paradoxerweise das Unbehagen an der identitäts-subjektiven Engführung von Geschlecht durch eine spiegelbildliche Engführung von Geschlecht auf Anisogamie wiederholt. Als bessere Alternative wird ein biosoziales Verständnis von Geschlecht skizziert, das der empirischen Komplexität von Geschlechtlichkeit sowie dessen (Un-)verfügbarkeit besser gerecht wird.
  • Bernhard Strauß und Timo O. Nieder: Schwierigkeiten bei der Interpretation von Längsschnittstudien bei Menschen mit Geschlechtsinkongruenz oder Geschlechtsdysphorie: Ein Kommentar zu Ponseti und Stirn (2019)
    Zusammenfassung:
    Der Kommentar nimmt Bezug auf die von Ponseti und Stirn formulierte Kritik an der S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung bei Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit. Dabei problematisieren wir zunächst die begriffliche Gleichsetzung von Transsexualismus auf der einen mit Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie auf der anderen Seite. Im Anschluss diskutieren wir die unzulässigen Schlüsse, die Ponseti und Stirn aus den Befunden einzelner Katamnesestudien ziehen und argumentieren, dass die genannten Befunde keine Rückschlüsse auf die Wirksamkeit der Behandlung des Transsexualismus zulassen, sondern ausschließlich die Gesundheit von trans Personen nach multimodaler geschlechtsangleichender Behandlung beschreiben. Schließlich stellen wir die Überlegungen infrage, die die Autor_innen zur Psychotherapie des Transsexualismus in ihrem Beitrag äußern.
Heft 2/2019 der Zeitschrift für Sexualforschung

Ende Juni 2019 ist Heft 2/2019 der Zeitschrift für Sexualforschung erschienen. Das Heft und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

  • Timo O. Nieder und Bernhard Strauß: S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung im Kontext von Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit
    Zusammenfassung:
    Einleitung: Am 9. Oktober 2018 wurde die Leitlinie „Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: Diagnostik, Beratung und Behandlung“ nach methodischer Prüfung von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) mit S3-Status in das Leitlinienregister aufgenommen und online veröffentlicht. Forschungsziele: Die Leitlinie verfolgt das Ziel, die „Standards zur Begutachtung und Behandlung von Transsexuellen“ aus dem Jahr 1997 an die gegenwärtigen Bedingungen und Forschungsergebnisse anzupassen und sie für eine adäquate Versorgung in Deutschland nutzbar zu machen. Methoden: Die Behandlungsempfehlungen der Leitlinie basieren auf empirischer Evidenz, die systematisch recherchiert und bewertet wurde. Die für den Kreis der Adressat_innen repräsentative Leitliniengruppe hat gemeinsam mit einer Interessensvertretung von trans Menschen im Zuge einer strukturierten Konsensfindung 100 Empfehlungen konsentiert. Ergebnisse: Die Leitlinie soll das Feld der Trans-Gesundheitsversorgung individualisieren und damit auch deregulieren. Optionen für eine zielführende Behandlung der Geschlechtsinkongruenz und/oder Geschlechtsdysphorie werden aufgezeigt. Anschließend wird ein empirisch und klinisch fundiertes Vorgehen empfohlen, das auf individuelle Bedingungen bei der Behandlung bedarfsgerecht eingehen kann. Schlussfolgerung: Die Leitlinie reflektiert aktuelle internationale Standards der Trans-Gesundheitsversorgung auf Basis empirischer Evidenz und bezieht sie auf das deutsche Gesundheitssystem. Ihre Anwendung sollte mit klinisch-therapeutischer Expertise abgesichert werden.
  • Lena Hauck, Hertha Richter-Appelt und Katinka Schweizer: Zum Problem der Häufigkeitsbestimmung von Intergeschlechtlichkeit und Varianten der Geschlechtsentwicklung: Eine Übersichtsarbeit
    Zusammenfassung:
    Einleitung: Körperliche Geschlechtsentwicklungen, die auf chromosomaler, gonadaler und/oder anatomischer Ebene untypisch verlaufen, werden als Intergeschlechtlichkeit, Varianten der Geschlechtsentwicklung, Intersex, Intersexualität, Variationen der körpergeschlechtlichen Merkmale und Störungen der Geschlechtsentwicklung bezeichnet. Sie sind alternative Oberbegriffe für eine Reihe verschiedener Besonderheiten der somatosexuellen Entwicklung, für die in der Literatur unterschiedliche Angaben über deren Häufigkeiten kursieren. Forschungsziele: Der Beitrag präsentiert eine Übersicht über aktuelle Angaben zur Häufigkeit und identifiziert Faktoren, welche die Festlegung einer Zahl zur Inzidenz bzw. Prävalenz von Varianten der Geschlechtsentwicklung erschweren. Methoden: Es wurde eine Literaturrecherche in den Datenbanken Medline, Web of Science und PsycINFO durchgeführt. Dabei wurden englisch- und deutschsprachige Studien von 2000 bis 2017 erfasst, die sich mit der Inzidenz von Varianten der körpergeschlechtlichen Entwicklung beschäftigen. Aus den Ergebnissen wurden relevante Treffer ausgewählt, anhand derer aktuelle Zahlen zur Häufigkeit, unterschiedliche Methoden der Häufigkeitserhebung sowie Probleme bei der Ermittlung der Zahlen herausgearbeitet wurden. Ergebnisse: Die analysierten Studien geben Zahlen zwischen 0.018 % und 2.1 % bzw. 3.8 % aller Geburten als Gesamthäufigkeit von Varianten der Geschlechtsentwicklung bzw. des urogenitalen Systems an. Diese hängen stark von der Definition und den eingeschlossenen Formen ab. Die Seltenheit einiger Formen und die kritikwürdigen Untersuchungsmethoden erschweren die Erhebung belastbarer Ergebnisse. Schlussfolgerung: In der Forschung zur Intergeschlechtlichkeit sollte eine transparente, respektvolle und präzise Sprache als Grundlage für einen konstruktiven Diskurs über geschlechtliche Vielfalt eingesetzt werden, auch um Kooperationsprojekte zu stärken. Die angenommene Dunkelziffer der nicht erfassten oder diagnostizierten Fälle sollte nicht unterschätzt werden.
  • Claudia Depauli und Wolfgang Plaute: Sexualpädagogik in der Sekundarstufe I in Österreich
    Zusammenfassung:
    Einleitung: Das WHO-Regionalbüro für Europa und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) haben 2010 Standards für Sexualerziehung in Europa veröffentlicht, um einen Überblick über die Themen der Sexualerziehung zu geben, die in der Schule angepasst an verschiedene Altersstufen behandelt werden sollten. Sie sollen gewährleisten, dass Sexualkundeunterricht in Europa entwicklungsangemessen und von einheitlich guter Qualität ist. Forschungsziele: Österreichische Eltern bzw. Erziehungsberechtigte und Schüler*innen wurden nach der Bedeutung der von den WHO-Standards abgedeckten Themen befragt sowie nach Aspekten, die sie sich für eine erfolgreiche Sexualerziehung wünschen. Methoden: Es wurden standardisierte Online-Fragebögen entwickelt, die durch die Direktor*innen der Schulen den Eltern und Schüler*innen zugänglich gemacht wurden. Es wurden insgesamt 9 196 Teilnehmende befragt, davon in der hier dargestellten Altersgruppe der 13- bis 15-jährigen Schüler*innen 2 204 Personen. Es handelte sich um 1 571 Jugendliche (weiblich: 742, männlich: 820), und 633 Eltern (weiblich: 523, männlich: 110). Die Teilnehmer*innen bewerteten die Wichtigkeit der Themen anhand von 5-stufigen Likert Skalen. Ergebnisse: Die Eltern der 13- bis 15-jährigen Schüler*innen beurteilen sexualpädagogische Inhalte insgesamt als wichtig, wobei für Mütter die Relevanz höher ist als für Väter. Eltern wünschen sich gut ausgebildete Lehrkräfte. Besonders wichtig sind ihnen Informationen zu biologischen Grundlagen und Hygiene sowie die Rechte und der Schutz der Kinder und Jugendlichen. Am Beispiel Homosexualität zeigt sich, dass es auch Inhalte gibt, deren Behandlung besonders für Väter nur wenig Wichtigkeit besitzen. Schlussfolgerung: Zeitgemäße Sexualpädagogik muss sich einer Vielzahl neuer Herausforderungen stellen und entwicklungsangepasst ab der frühen Kindheit zum Wohl der Kinder und Jugendlichen evidenzbasiert Informationen bereitstellen.

Praxisbeitrag

Debatte

Heft 1/2019 der Zeitschrift für Sexualforschung

Ende März 2019 ist Heft 1/2019 der Zeitschrift für Sexualforschung erschienen. Das Heft und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

  • Marie Louise Stübler & Inga Becker-Hebly: Sexuelle Erfahrungen und sexuelle Orientierung von Transgender-Jugendlichen
    Zusammenfassung:
    Einleitung: Eine körpermedizinische Behandlung bei erwachsenen Transgender-Personen steht mit positiven Ergebnissen bezüglich der sexuellen Zufriedenheit in Zusammenhang sowie im Jugendalter mit einem verbesserten psychosozialen Wohlbefinden. Dennoch gibt es bisher nur eine Studie, die die sexuellen und romantischen Erfahrungen von Transgender-Jugendlichen vor Beginn einer solchen Behandlung untersucht hat. Forschungsziele: Ziel war es, das Sexualverhalten von unbehandelten Transgender-Jugendlichen, die in der Hamburger Spezialsprechstunde die Diagnose Geschlechtsdysphorie erhalten hatten, zu untersuchen. Methoden: Es wurden die Häufigkeitsangaben zu sexuellen Erfahrungen aus den Fragebogen-Sets von n = 126 unbehandelten Transgender-Jugendlichen im Alter von 15.6 Jahren deskriptiv ausgewertet. Dabei wurde zudem nach Geschlecht und Altersgruppen unterschieden sowie nach dem Ausmaß der sozialen Transition. Ergebnisse: Während die Mehrzahl der befragten Jugendlichen schon einmal verliebt (85 %) bzw. in einer festen Partnerschaft (65 %) war und etwa die Hälfte der Befragten sexuelle Fantasien und Masturbation berichtete, waren sie in den körperlich-sexuellen und Partner*innen-assoziierten Erfahrungsbereichen weniger erfahren. Weniger als die Hälfte (44 %) berichtete von intimen sexuellen Erfahrungen mit anderen Jugendlichen oder Geschlechtsverkehr (knapp 14 %). Ältere Jugendliche (15–18 Jahre) und jene, die bereits eine soziale Transition vollzogen hatten, machten vergleichsweise mehr sexuelle Erfahrungen als jüngere Jugendliche (11–14 Jahre) oder jene, die überwiegend in der Rolle des Zuweisungsgeschlechts lebten. Schlussfolgerung: Die befragten Transgender-Jugendlichen machten nicht die sexuell-körperlichen Partner*innen-assoziierten Erfahrungen, die andere Jugendliche im gleichen Alter machen. Dieser Befund verweist auf die mögliche Bedeutung einer Transition im Jugendalter für die psychosexuelle Entwicklung. Ebenso verweist er auf die Bedeutung des Schutzraums einer psychosozialen Beratung oder Therapie für Transgender-Jugendliche, um sexualitätsbezogene Themen bei Bedarf besprechen zu können.
  • Ute Lampalzer, Pia Behrendt, Arne Dekker, Peer Briken & Timo O. Nieder: Was benötigen LSBTI-Menschen angesichts ihrer Sexual- und Geschlechtsbiografien für eine bessere Gesundheitsversorgung?
    Zusammenfassung:
    Einleitung: Studien deuten darauf hin, dass LSBTI-Menschen im Gesundheitssystem häufig mit Herausforderungen und Benachteiligungen konfrontiert sind, die eng mit ihren Sexual- und Geschlechtsbiografien verbunden sind. Für eine deutsche Großstadt liegt hierzu noch keine zielgruppenübergreifende Untersuchung vor. Forschungsziele: Ziel der Studie ist die Beantwortung der Frage, was behandelnde und beratende Fachkräfte über die Sexual- und Geschlechtsbiografien von LSBTI-Menschen wissen sollten und wie sie in ihrer jeweiligen Praxis mit LSBTI-Menschen umgehen sollten, um im Stadtstaat Hamburg eine bessere Gesundheitsversorgung gewährleisten zu können. Methoden: Es wurden fünf Expert_inneninterviews mit LSBTI-Menschen und drei Fokusgruppen durchgeführt und mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet. Ergebnisse: Die Ergebnisse zeigen, dass es von zentraler Bedeutung ist, dass Fachkräfte im Gesundheitswesen eigene Annahmen und Vorurteile gegenüber LSBTI-Menschen ehrlich hinterfragen. Außerdem sollten sie insbesondere mit Herausforderungen des Coming-outs vertraut sein, diverse Lebens- und Beziehungsmodelle mitdenken, unterschiedliche Phasen der sexuellen und geschlechtlichen Entwicklung sowie Einflüsse darauf kennen, sexuelles Verhalten und sexuelle Identität unterscheiden – und all dies bei der Behandlung bzw. Beratung bedarfsgerecht berücksichtigen. Schlussfolgerung: Für eine bessere Gesundheitsversorgung sollten Fachkräfte für die allgemeinen und individuellen Herausforderungen in den Sexual- und Geschlechtsbiografien von LSBTI-Menschen sensibilisiert sein und relevante Themen direkt ansprechen.

Dokumentation

2018

Heft 4/2018 der Zeitschrift für Sexualforschung

Ende Dezember 2018 ist Heft 4/2018 der Zeitschrift für Sexualforschung erschienen. Das Heft und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

  • Franziska Breu & Hertha Richter-Appelt: Eine retrospektive Erfassung des erinnerten Erziehungsstils und der Familienstruktur von Personen mit transidentem Erleben
    Zusammenfassung:
    Einleitung: Bisher bestehen wenig gesicherte wissenschaftliche Daten zur innerfamiliären Beziehungsqualität sowie zu dem Erziehungsstil der Eltern von transidenten Personen. Forschungsziel: Ziel der Studie war es, die Erziehungseinstellung und -praktiken sowie die Qualität innerfamiliärer Beziehungen von transidenten Personen rückblickend zu erfassen. Methoden: An einer Stichprobe von 99 Teilnehmenden wurde untersucht, ob sich transidente Personen (N = 46) bezüglich des erinnerten Erziehungsstils beider Elternteile sowie der Qualität der innerfamiliären Beziehungen von Personen ohne transidentes Erleben (N = 53) unterscheiden. Zusätzlich wurde die Gruppe der transidenten Personen hinsichtlich der erzielten Werte auf den FEPS-Skalen mit einer intergeschlechtlichen Stichprobe (N = 37) verglichen. Der erinnerte Erziehungsstil wurde mit dem Fragebogen zu Erziehungseinstellungen und Erziehungspraktiken (FEPS), die Qualität der familiären Beziehungen mit der Beziehungs-Kontext-Skala (BKS) erfasst. Ergebnisse: In der Gegenüberstellung mit der Vergleichsgruppe erinnerten transidente Personen im Durchschnitt sowohl Mutter als auch Vater als weniger fürsorglich und autonomiefördernd und den Vater in einem stärkeren Maß als bestrafend. Zudem bewerteten transidente Personen die erinnerten Beziehungsrepräsentanzen innerhalb der Familie negativer. Ferner berichtete die Gruppe der transidenten Personen über eine höhere Trennungsrate der Eltern. Die intergeschlechtliche Stichprobe erinnerte im Vergleich zu den transidenten Personen sowohl Mutter als auch Vater als weniger fürsorglich und autonomiefördernd und als stärker bestrafend und materiell belohnend. Schlussfolgerung: Die Resultate stützen die Annahme, dass die Eltern-Kind-Beziehung von transidenten Personen sowie von intergeschlechtlichen Personen deutlichen Belastungen ausgesetzt sein kann.
  • Nicola Döring: Wie wird das Problem des sexuellen Kindesmissbrauchs auf YouTube thematisiert?
    Zusammenfassung:
    Einleitung: Sexueller Kindesmissbrauch (SKM) ist ein weit verbreitetes und gravierendes gesellschaftliches Problem. Eine verbesserte Problemlösung im Sinne wirkungsvoller Prävention und Intervention hängt von vielen Faktoren ab – nicht zuletzt davon, wie die Medien die breite Öffentlichkeit und die Politik über das komplexe Problem informieren. Aus diesem Grund wurde bereits mehrfach untersucht, wie SKM in Presse und Fernsehen, Büchern und Kinofilmen dargestellt wird. Forschungsziele: Die vorliegende Studie betrachtet erstmals, wie sexueller Kindesmissbrauch auf der Videoplattform YouTube thematisiert wird. Die Untersuchung von YouTube ist besonders relevant, da es sich national wie international um die reichweitenstärkste Social-Media-Plattform handelt. Methoden: Auf der Basis einer Analyse von N = 300 deutschsprachigen sowie ausgewählten englischsprachigen SKM-bezogenen YouTube-Videos wird herausgearbeitet, 1) von wem diese Videos stammen, 2) welche Form und welche Inhalte sie haben, 3) wie ihre Qualität einzuschätzen ist, und 4) welche Nutzungsweisen ihre Social-Media-Metriken erkennen lassen. Ergebnisse: Im Vergleich zur massenmedialen Behandlung von SKM zeigen sich in der SKM-Thematisierung auf YouTube spezifische Stärken (z. B. verstärkte Beteiligung Betroffener am Diskurs), aber auch neue Schwächen (z. B. ideologische Instrumentalisierung des Missbrauchsproblems). Ebenso zeigen sich Differenzen in der Repräsentation des Missbrauchsproblems zwischen der deutsch- und der englischsprachigen YouTube-Sphäre. Schlussfolgerung: Viele Forschungslücken zur SKM-Thematisierung auf YouTube sind noch zu schließen. Die pädagogische, beraterische und journalistische Praxis sind gefordert, die SKM-Thematisierung auf YouTube konstruktiv mitzugestalten.
  • Stephanie Leitz & Jörg Signerski-Krieger: Sexualität der Vielfalt? Eine empirische Untersuchung niedersächsischer Biologiebücher
    Zusammenfassung:
    Einleitung: Der Landtagsbeschluss in Niedersachsen vom 15.12.2014 fordert, Schule müsse bei der Förderung der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen die Vielfalt sexueller und geschlechtlicher Identitäten (Homo-, Bi-, Trans- und Intersexualität) berücksichtigen. Die Schulbuchverlage wurden aufgefordert, die Schulbücher für das Land Niedersachen dieser Zielsetzung folgend zu überarbeiten. Forschungsziele: Ziel der vorliegenden Studie war es, die Umsetzung der veränderten Anforderungen exemplarisch anhand von zwei Schulbuchreihen des Faches Biologie zu analysieren. Methoden: Die Schulbücher wurden anhand einer strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2002) untersucht und verglichen. Ergebnisse: Es konnte gezeigt werden, dass die Umsetzung der Beschlüsse des Niedersächsischen Landtags partiell erfolgt ist. Eine Unterstützung von Jugendlichen in der Entwicklung ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität findet teilweise statt, jedoch sind die Ergebnisse qualitativ sehr unterschiedlich: Während die Schulbuchtexte in Bezug auf verschiedene Formen sexueller Orientierung zunehmend inklusiver verfasst wurden, ist die Darstellung von Intergeschlechtlichkeit und Transidentität in den beiden untersuchten aktuellen Schulbüchern knapp gehalten, teilweise fehlerhaft oder steht im Widerspruch zu anderen Teilen der Schulbuchtexte. Schlussfolgerung: Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Vielfalt sexueller und geschlechtlicher Identitäten bisher in Schulbüchern nur unzureichend abgebildet ist.

Dokumentation

Praxisbeitrag

Schwerpunktheft der Zeitschrift für Sexualforschung (3/2018): Sex-Survey-Forschung in Deutschland

Mit der Ausgabe 3/2018 der Zeitschrift für Sexualforschung ist ein Schwerpunktheft zu Sex-Survey Forschung erschienen. Das Schwerpunkheft stellt erste Ergebnisse einer Pilotstudie für einen repräsentativen Sex-Survey in Deutschland zusammen.

Das Heft und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

Praxisbeitrag

Heft 2/2018 der Zeitschrift für Sexualforschung

Ende Juni 2018 ist Heft 2/2018 der Zeitschrift für Sexualforschung erschienen. Das Heft und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

Dokumentation

Praxisbeitrag

Bericht

Heft 1/2018 der Zeitschrift für Sexualforschung

Ende März 2018 ist Heft 1/2018 der Zeitschrift für Sexualforschung erschienen. Das Heft und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

  • Sefik Tagay, Anja Breidenstein, Hans-Christoph Friedrich, Herbert Rübben, Martin Teufel & Jochen Hess: Entwicklung und Validierung des Essener Transidentität Lebensqualitäts-Inventars anhand einer Stichprobe von Mann-zu-Frau transidenten Personen
    Zusammenfassung
    Einleitung: Die spezifische Lebensqualität (LQ) transidenter Menschen ist bislang unzureichend untersucht worden, zudem existiert bislang kein Messverfahren zur Erfassung der transidentitätsspezifischen LQ. Forschungsziele: Ziel der Studie war es, das Essener Transidentität Lebensqualitäts-Inventar (ETLI), bestehend aus 30 Items, zu entwickeln und zu validieren. Methoden: Bei 158 Mann-zu-Frau (MzF) transidenten Personen wurden neben dem ETLI Instrumente zur Erfassung von LQ, sozialer Unterstützung, individueller Ressourcen und psychischer Belastung eingesetzt. Es wurde eine explorative Faktorenanalyse durchgeführt. Ergebnisse: Mittels der explorativen Faktorenanalyse wurden die vier Dimensionen psychische, körperliche und soziale LQ sowie LQ durch Offenheit identifiziert. Die Subskalen zeigten eine gute Reliabilität mit Werten von Cronbachs α zwischen α = .75 und α = .89, die Gesamtreliabilität betrug α = .89. Positive Korrelationen des ETLI mit generischer LQ und Ressourcen sowie negative Korrelationen mit psychischer Belastung weisen auf eine sehr gute Konstruktvalidität hin. Schlussfolgerung: Das ETLI als Instrument zur Erfassung der transidentitätsspezifischen LQ stellt eine wichtige Ergänzung zu Messinstrumenten der generischen LQ dar. Es kann im Forschungs- und Versorgungskontext sowie bei der retrospektiven Evaluation von Veränderungen der LQ und bei der Therapieplanung zum Einsatz kommen.
  • Richard Lemke & Tobias Tornow: Darstellungen von Sexualität in den Massenmedien: Ansätze, Theorien und Befunde inhaltsanalytischer Forschung
    Zusammenfassung
    Einleitung: Darstellungen von Sexualität in den Massenmedien können als kulturelle Szenarien von Sexualität im Sinne der Theorie sexueller Skripte angesehen werden. Forschungsziele: Der Beitrag soll – mit einem Fokus auf diejenigen Skripte, die in alltägliche Unterhaltungsmedien eingebunden sind – einen aktuellen Überblick über inhaltsanalytische Studien zu Sexualitätsdarstellungen in Massenmedien geben. Methoden: Verschiedene forschungslogische Ansätze von Inhaltsanalysen werden diskutiert. Darauf aufbauend werden die theoretischen Einbettungen sexualitätsbezogener Inhaltsanalysen aufgezeigt. Anschließend wird anhand ausgewählter Schlüsselstudien dargestellt, wie sexuelles Verhalten inhaltsanalytisch bisher operationalisiert wurde, und welche empirischen Befunde vorliegen. Ergebnisse: Es zeigt sich, dass Sexualitätsdarstellungen in massenmedialen Unterhaltungsformaten allgegenwärtig sind, aber nicht besonders explizit ausfallen. Weiterhin zeigt sich, dass mediale Sexualitätsdarstellungen bis heute sehr stark geschlechterstereotypisierend ausfallen, allerdings mit deutlichen Differenzen zwischen verschiedenen Mediengenres. Schließlich deutet der Forschungsstand darauf hin, dass die sexuellen Risiken und Konsequenzen von Sex in Unterhaltungsmedien verhältnismäßig selten thematisiert werden. Schlussfolgerung: Die Forschung zu sexuellen Mediendarstellungen im deutschsprachigen Raum weist noch viele Lücken auf. Künftige Studien sind angezeigt.

Dokumentation

Praxisbeitrag

Bericht

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